Marie, zu der Alten hier im Schloß, ſie wird dir erzählen können, was hier geſchah, ich will dich erwarten auf der Bank vor dem Schloſſe, wo wir beim Heraufſteigen ruheten.——— s
Auf dem Friedhof des Städchens N. ſtanden im Abenddunkel zwei Frauen vor einem prächtigen Grabmahl, worauf mit goldenen Lettern der Name des hochgebornen Fräuleins Anna von*** ſtand——— Traurig lehnte die Ael— tere an dem kalten Stein, und ſeufzte:„O warum iſt es nicht wahr, daß Anna hier ruht und zur Ruhe einging— ach Ruhe, Ruhe finde ich wohl nur dann, wenn mich die Erde dekt!!“—„Aber Tantchen,“ rief Marie,„hören Sie mich doch nur an, iſt es Ihnen denn noch nie eingefallen, an der Wahrheit des Ve— richtes Ihres Onkels über den Tod Ihres Albert zu zweifeln? Sehen Sie, er hat es gewagt, Sie für todt auszugeben, ſogar ſich nicht geſcheut, ein Grabmahl zu errichten, kann er Sie denn nicht auch getäuſcht haben? und ach, liebe Tante, der Fremde, den ich heute im Schloß bei der alten Frau traf, welcher mich an einer Unterredung hinderte,— bemerkten Sie nicht, als wir hier herein traten, daß ein Mann im Mantel gehüllt hier hinaus ging,— es war derſelbe— und ſehen Sie, hier das Grab zerdrükt— wer kann es ſein, als er?“—„Ums Himmels willen ſchweig,“ rief Anna todenbleich und zitternd,„Mädchen, erweke nicht Hoffnungen, die längſt ſchon dahin ſind, komm verlaſſen wir den Ort.“—
Mariens Ahnung hatte ſie nicht getäuſcht, der Fremde war Albert! Sie batten ſich wieder gefunden, hier, wo ſie es Beide nicht mehr gehofft— und ſie trennten ſich nicht mehr. Agnes.
——
Die Geburt im Grabe.*)
Am großen Wege zwiſchen Serpuchow und Moskwa liegt das bedeutende Kirchdorf Lopaſſna.— Im Jahre 1819 befand ſich Akulina Iwanowna, die Frau des Bauern Fedor Petrowitſch, in geſegneten Umſtänden.— Mit der Ern— tezeit befand ſie ſich bereits im neunten Monate ihrer Schwangerſchaft, die ganze Bevölkerung begab ſich auf's Feld zur Arbeit, und Akulina blieb allein mit ih⸗ rer kleinen neunjährigen Nichte Mawra zu Hauſe.— Obgleich Akulina ſich et⸗ was übel fühlte, ſo blieb ſie doch nach der Sitte unferer Bauernweiber auf den Füßen u. beſchäftigte ſich ſogar mit allerlei häuslichen Verrichtungen. Da ſpürte ſie das Herannahen der Wehen.— Außer Mawra war keine menſchliche Seele im Hauſe, Akulina litt die heftigſten Schmerzen; ihr Stöhnen und Weinen zerriß das Herz der kleinen Mawra, welche jedoch zu helfen weder verſtand, noch vermochte: nur in Thränen ausbrechend, konnte ſie ihren Antheil an die arme Tante äußern.— Drei Stunden lang kämpfte dieſe Unglükliche mit den ſchrek— lichſten Wehen in vergeblichen Anſtrengungen, zulezt verfiel ſie in eine ſtarre Abmattung, beinahe gänzlich in einen tiefen Schlummer erſterbend.— Dieſe Ruhe war indeſſen nicht dauernd.— Mit einem Male, gleichſam durch innere Gewalt aufgerüttelt, raffte ſie ſich in raſender Haſt vom Fußboden auf, und
) Dieſe als authentiſch wahr bezeichnete Begebenheit entnehmen wir dem 5 7 Petersburg erſcheinenden„Magazin für deutſche 1 in Ruß⸗ and.“ 75
**
„ 3


