Jahrgang 
Band 1 (1840)
Seite
178
 
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Onkel jeden Thurm, durchkroch jeden Winkel mit ſeinen Bauplänen und Zeich⸗ nungen beladen; indeſſen ſtand die Nichte hier auf dem Balkon auch mit Plänen, ihr Lebensglük betreffend. Ihr zu Seite ſtand er, der ihr Alles, Alles war und ſprach von Liebe; ſie, ſo froh und ſelig, reicht ihm die Hand. Da tritt der Onkel auf den Balkon und fragt:Was iſt das, mein Fräulein? Mit kindlichem Vertrauen naht ſie dem Alten und ſagt, was ſie beſchloſſen. Wüthend, zornentbrannt ſchmäht er den Geliebten, bittere, unwürdige Vorwürfe überhäu fen ſie; da erhebt ſie ſich im Vertrauenkihrer Unſchuld, und ruft:Onkel, behalten Sie Ihre Reichthümer, ſie haben keinen Werth für mich, ich bin frei und wähle ihn. Albert, rief ſie,ich habe es Ihnen nie geſagt, daß Sie mir theuer ſind, jezt ſage ich es frei, ich liebe Sie, nur Sie allein; hier meine Hand, ich bleibe Ihnen treu und bin die Ihre, troz jedem Hinderniß. thend ſprang der Onkel dazwiſchen, riß und ſtieß ſie von einander, ſie ward ge gen die morſche Baluſtrade des Balkons geſchleudert, dieſe brach und hier ſtürzte ſie hinab und blieb leblos liegen. Athemlos, vor Schreken bleich, horchte Marie der Erzählung.Wie, rief ſie,todt?Dieſe Wohlthat ward ihr nicht, ſprach Anna ſchmerzlich,denn, theure Marie, ich war es ſelbſt. Laut weinend umfaßte Marie ihre Freundin, die das Mädchen innig küßte, und nach einer Pauſe alſo fortfuhr:Es waren Wochen vergangen, ehe ich nach ſchmerzlichen Leiden zum Bewußtſein gelangte, und Monden brauchte es, bis ich an Alles mich deutlich erinnern konnte. Ich befand mich in einem Kloſter der barmherzigen Schweſtern, deren unermüdliche Sorge und Pflege es gelang, mein Leben zu erhalten. Ich war weit von meinem frühern Wohnort entfernt, und erfuhr ſpäter, daß man mich in der Nacht und unter fremdem Namen dahin gebracht habe. Später erhielt ich ein Schreiben von meinem Onkel, worin er mir befahl, dieſe Gegend für immer zu verlaſſen und unter fremden Namen weit von ihm zu wohnen; mein Vermögen ſolle mir ausgezahlt werden, wo ich den Ort beſtimme, er wolle mich nie mehr ſehen und werde ſich Mühe geben, zu vergeſſen, daß ein ſo niedrigdenkendes Geſchöpf ſeine Nichte geweſen ſei. Be ſonders verbot er mir noch, ja nicht vor zwanzig Jahren in dieſe Gegend zu kommen und meldete mir auch noch den Tod meines Geliebten; er glaubte mich todt, und ſoll ſich erſchoſſen haben. Dieſer Brief war wohl nicht von der Art, um mich mit Bedauern um den einzigen Verwandten zu erfüllen. Gerne floh ich eine Gegend, wo nur ein grauſamer Onkel, der Urheber meiner Leiden, wohnte. Ich folgte der Aufforderung meiner Freundin, die ich mir während meiner Krankheit gewonnen, und folgte ihr in fernes Vaterland. Es war deine Mutter ſie hatte eine Tante in jenem Kloſter, bei der ſie zum Beſuch war, als man mich dahin brachte ihre zarte Pflege, ihre Theilnahme und ihr freundlicher Troſt, als ich ihr mein Leiden klagte, feſſelten mich dankbar, ewig an ſie, die innigſte Freundſchaft entſtand zwiſchen uns, und nur ſie machte mir ein Leben erträglich, das ſonſt keinen Werth für mich hatte. Zwanzig Jahre ſind verfloſſen, mein Oakel iſt ſchon dort Oben, wo eingebildeter Adel nichts mehr gitt; ich wollte noch einmal dieſe Gegend ſehen und ſein Grab be ſuchen; heute iſt der Jahrestag der unglüklichen That, es war der 10. Juni vor zwanzig Jahren. Jezt bin ich hier, und mir gebricht es an Muth eine Frage an Jemand über die Vergangenheit zu thun, als könnte ich noch etwas hören, was mich betrübte; und das Schreklichſte habe ich doch überlebt! Gehe, theure