Jahrgang 
Band 1 (1840)
Seite
180
 
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ſtürzte auf den Hofraum hinaus. Die kleine Mawra lief ihr nach: die Tante begann mit einem raſenden Ungeſtüm auf dem Hofe hin und her zu laufen; die arme Kleine konnte nichts thun und ſchaute nur in kindlicher Angſt ihren ent ſezlichen Martern zu. Plözlich lief die unglükliche Mutter zu einem der Pfei⸗ ler des Schuppens, und ſich krampfhaft mit beiden Händen anklammernd, blieb ſie zulezt ganz erſtarrt leblos an demſelben hängen. Das erſchütterte, er⸗ ſchrokene kleine Mädchen wagte es eine geraume Zeit nicht, ſich ihr zu nähern, endlich trat ſie näher und bemerkte mit Entſezen, daß ihre Tante mit bläulicher Geſichtsfarbe und zur Stirn hinausglozenden Augen, ſchon alles Leben verloren und den Geiſt aufgegeben hatte. Mawra rannte ſchnell zu den Nachbarn, ei⸗ nige Leute eilten herbei; bald kamen auch vom Felde die Verwandten, der Mann, und alle Hausgenoſſen beim. Sie fanden Akulina in demſelben erſtarrten Zu⸗ ſtande, mit allen Merkmalen des Todes vor. Mit Gewalt befreiten ſie ihre Arme vom Pfeiler und brachten ſie in die Stube herein. Niemand zweifelte mehr an dem augenſcheinlichen Tod. Die Leiche ward gewaſchen, wie es gehört, mit weißen Leinen bekleidet auf den Tiſch gelagert, und am dritten Tage begraben. Das Begräbniß erfolgte nach allen Vorſchriften im gewöhnlichen Gange.

Zwei Tage nach dem Begräbniſſe waren verfloſſen, alle Haus genoſſen be⸗ fanden ſich in tiefem Schmerz um den Verluſt der guten Akulina. Der Kirch⸗ bof, auf welchem ſie beerdigt war, befand ſich neben der Kirche, unweit des Dor⸗ fes. Das Wetter blieb fortwährend ſchön und die kleinen Jungen und Mäd chen verſammelten ſich wie gewöhnlich auf ihrem Spielplaze, dicht neben dem Kirchhofe. Die Kinder des Predigers, der wie immer neben der Kirche wohn te, waren die erſten, welche ein gewiſſes dumpfes Gewimmer auf dem Kirchhofe vernahmen. Sie horchten aufmerkſam hin und unterſchieden ganz deutlich, daß das Gewimmer beim friſchen Grabhügel Statt fand. Die Kinder liefen gleich zum Vater und dieſer überzeugte ſich ebenfalls bald von der Wahrheit ih rer Ausſage. Ein dumpfes Gewimmer war aus dem Grabe zu hören, wenn auch nur in verſchiedenen Zwiſchenräumen. Der Abend dämmerte ſchon heran, ohne Aufſchub wurden ſogleich einige Bauern herbeigerufen und das Grab Akulinens aufgegraben und was offenbarte ſich hier den Bliken? Erſtaunen u. Ent⸗ ſezen ergriff Alle. Akulina lag in einer gräßlichen Unordnung, bereits erſtikt, im Sarge und im hintern Theile befand ſich ein Knäblein voll Leben: mit einem lauten Geſchrei begrüßte es ſeine Befreier! Man nahm den Säugling gleich heraus, verfuhr in Allem, wie man mit einem Neugebornen verfahren muß, überzeugte ſich aber auch zugleich von dem wirklichen Tode Akulinens. In Frieden gab man ſie ihrer Ruheſtätte zurük und ein neuer Grabhügel erhob ſich: diesmal ein Grab für immer!

Der Kleine ward gerettet und mit Freuden in der Familie aufgenommen. Er war ganz geſund und durch des Vater und der Verwandten Liebe aufer zo⸗ gen, lebte er fort und lebt bis zu dieſem Augenblike, ein herrlicher, rüſtiger, geſunder Vurſche, im achtzehnten Jahre ſeines Alters. Ich habe ihn ſelbſt geſprochen und ſein ſeltſames Geſchik vernommen und bewundert. Das erſte Licht erblikte er im Grabe und es begann ſein Leben, wo es erſt einſt enden ſollte. Wir verbürgen die Wahrheit dieſer Geſchichte. Alle bei dieſer tragiſchen Be gebenheit betheiligten Perſonen ſind noch am Leben, außer Akulina und dem