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das heitere frohe Mädchen ſich beinahe fürchtete.—„Eine Geſchichte will ich dir erzählen,“ ſprach Anna,„höre Mädchen: Dieſes Schloß ſammt Allem, was du hier erblikſt, war lange im Beſiz einer alten adeligen Familie. Der lezte Beſizer, ein Mann von unbegränztem Ahnenſtolz, ſah ſich in ſeinem Alter kinderlos, mehrere Söhne und Töchter, die Hoffnung ſeines Alters, waren ge— ſtorben— er war allein!— Eine Nichte nur, die ſeit zarter Kindheit im Hauſe gehalten war, war die einzige Verwandte des Edelmanns. Das Mädchen hatte bei unſchönem Aeußern ein Herz unendlicher, Alles aufopfernder Liebe fähig; frühe hatte man ſie an den Gedanken gewöhnt, daß ſie häßlich wäre, jeder Zug ihres Geſichts ab ſchrekend ſei und ſie nie werde geliebt ſein können. Dieſe unfreundlichen Worte hatten die traurige Ueberzeugung in ihr erwekt, höchſt unliebenswürdig zu ſein, und ſie mit einem Mißtrauen und einer Furcht erfüllt, die ſie unglüklich machten. Du kennſt nicht die Qual, die der marternde danke verurſachte: Niemand kann und wird dich lieben, wer gibt ſich die Mühe, eine Häßliche kennen zu lernen!— Einige Heirat hsanträge hatte ſie abgewie— ſen, denn ſie konnte ja nicht glauben, daß ſie geliebt ſei, auch hatte ſie nicht geliebt, und heirathen ohne Liebe, wollte ſie nicht— aber daß ſie lieben könnte unendlich, ewig— fühlte ſie mit bangem Schmerz, denn zwiſchen Hoffen, Wunſch und Traum ſtand wie ein Geſpenſt, der traurige Gedanke ihrer Häßlichkeit.— Ein Fremder war durch den Edelmann in Dienſt genommen und erhielt ſeine Wohnung auf dem Schloſſe; er war ein gebildeter, artiger, junger Mann, der, als er das Mädchen näher kennen lernte, ſie ſeiner Liebe werth hielt und bei dem Onkel um ihre Hand bat. Dieſer war höchlich erſtaunt über die Kühnheit eines Fremden, ſeine adelige Nichte heurathen zu wollen, wies ihn jedoch an dieſe, in der feſten Ueberzeugung, daß auch ſie Adelſtolz genug beſize, und einen Bürgerlichen gewiß ausſchlagen werde. Er ſelbſt machte es ihr bekannt, aber auf eine ſo ſpöttiſche und höhniſche Art, daß ſie innig verlezt war.„Glaube ja nicht,“ rief er,„daß er dich liebt, er will ja nur meine Nichte heirathen, nicht dich; er will ſeine Exiſtenz dadurch ſichern, er hält mich für reich und dich für die Erbin. Bilde dir ja nicht ein, daß er dich liebt.“ Dieſe Worte und ihr unglüklicher Glaube, machte die Arme ſchmerzlich betrübt, ach ſie liebte, ſie fühlte, daß ſeine Liebe ihr das Höchſte wäre, und konnte ſich nicht geliebt glauben. Jahre vergingen, ſein liebevolles Benehmen, die zarte Achtung, die er ihr bewies, machten ſie endlich glauben, daß ſie wirklich geliebt ſei, von dem, den ſie mit aller Innigkeit ihres reinen Herzens liebte.“. (Beſchluß folgt.)
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Die Hemdfabrikanten in Paris.
Seis Kurzem iſt es in Paris zu einer wahren Manie geworden,— Hem— den zu machen und wohin man ſich in den modiſchen Straßen wendet, überall erblikt man in rieſenhaften Buchſtaben„Chemisier.“ Ein Spottblatt macht ſich auf folgende Weiſe darüber luſtig.
Ein Bürger in einer Flanelljake und mit einem baumwollenen Regenſchir— me unter dem Arme hat lange die glänzende Auslage von prächtigen Hemden binter den Fenſtern des„Chemisier“ bewundert und entſcheidet ſich endlich, eines


