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tief ſte, und zwei Damen traten ein.—„Liebe Frau,“ ſprach die Aeltere,„wir ſind Fremde, und wünſchen dieſes Schloß zu beſehen, dürfen wir hier verweilen und une die alten Mauern betrachen??“—„O ja, liebe Madame,“ rief Frau Martha, höchlich erſtaunt, über den unverhofften Beſuch,„gerne möchte ich Ih— nen als Führerin dienen, bin aber ſo ſchwach und alt.“—„O das iſt nicht nöthig,“ rief die Aeltere,„wir finden ſchon ſelbſt den Weg.“— Sie wendete ſich hinaus, winkte der Jüngern ihr zu folgen, und ſchritt haſtig durch die ver— fallenen Gänge und Gemächer einem Theil des Gebäudes zu, der noch am be— ſten erhalten ſchien. Verwundert folgte die Jüngere— ging doch ihre Führerin ſo ſicher, als wäre ſie ſchon früher da geweſen— und nie hatte ſie ihr etwas davon geſagt; geſtern waren ſie unten im Stübchen angekommen, und der ſchöne
orgen hatte ſie zu einem Beſuch der Burgruinen verleitet. Indeſſen waren ſie eine verfallene Treppe hinauf, einem zertrümmerten Säulengang entlang, in ein Zimmer getreten, wo die Aeltere plözlich ſtehen blieb; ſie blikte um ſich und rief ſchmerzlich bewegt:„O welche Veränderung in zwanzig Jahren! welche Ver— wüſtung, welche Oede! ach, Alles iſt verwandelt! nur das Herz““, ſprach ſie leiſe und wie vor ſich hin,„iſt daſſelbe.“—„Wie, liebe Tante,“ rief die Jüngere,„Sie ſind hier bekannt? Sie waren hier von zwanzig Jahren? hörte ich doch nie davon reden.“—„Es gibt ſchmerzliche Erinnerungen,“ erwiderte die Aeltere,„die man in die tiefſte Tiefe eines gebrochenen Herzens verbirgt, man ſcheut ſich davon zu ſprechen— denn ein Dritter verſteht ſo ſelten den Klageruf eines Unglüklichen.“— Sie ſchwieg ſchmerzlich bewegt, ergriff dann haſtig die Hand ihrer Begleiterin und ſagte:„Ich will dir was erzählen— folge mir“ und ſie trat durch ein hohes Bogenfenſter auf einen Balkon. Die entzükendſte Ausſicht bot ſich dem Auge dar, eine waldige Hügelkette umſchloß ein breites Thal, im üppigſten Grün prangten Wieſen und Felder, zwiſchen Baumgruppen verſtekt, lagen einige Dörfer, zu beiden Seiten eines breiten Fluſſes, der wie ein Silberband hin ſich ſchlängelte. Zu ihren Füßen lag das freundliche Städtchen N.— Mit ſchmerzlich trübem Blik überſchaute die Aeltere die Landſchaft— traurige Erinnerungen mogten ſie bewältigen— ſchweigend ſtand ſie da. Die Jüngere, ein ſchönes junges Mädchen, blikte bange und beſorgt auf ihre Begleiterin; hatten doch ihre Worte auf einen Schmerz hingedeutet, der ihre Jugend getroffen— vielleicht war hier der Schauplaz ihrer Leiden geweſen— vielleicht wollte ſie ihr die eigene Geſchichte erzählen?— Sie nannte wohl die ältere Dame Tante, aber ſie war es nicht— eine Fremde war ſie, deren früheres Leben Jedem, außer ihrer Mutter, ein Geheimniß war. Oft hatte ſie ſagen hören, Anna— ſo nannte ſich die Aeltere— ſei ſehr unglük— lich geweſen, was aber dieſes Unglük war, und wer ſie eigentlich wäre, wußte ſie nicht; nur ſoviel, daß Anna nie vermählt war. So weit Marie zurük den— ken konnte, hatte ſie Tante Anna gekannt, ſie war ihr Liebling und ihre Er— ziehung war meiſtens ihr Werk. Auna lebte ſtill und zurükgezogen in Marien's Vaterſtadt, nur mit ihrer Mutter im freundſchaftlichſten Verkehr. Wie erſtaunte Marie, als die ſtille, einſame Anna den Entſchluß bekannt machte, eine große Reiſe anzutreten, und Marien als Gefährtin mitzunehmen. Mit Freuden trat ſie die Reiſe an, deren Ziel und Zwek ihr unbekannt war. Lange waren ſie ge— reiſt— Mariens Vaterland war längſt verlaſſen— Anna war immer ſtiller und ſtiller geworden, in trübes Nachſinnen verſunken, ſaß ſie im Wagen, ſo daß


