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erbleichen müſſen. Ich ſab in deinem Atelier herrliche Werke, kraftige Skizzen, Erzeugniſſe des größten Genius.— Und was haſt du ausgeſtellt? Ein einziges Porträt, freilich ſo vortrefflich, als hätte es Lawrence auf die Leinwand hin— gezaubert; aber doch nur ein Porträt, das wir noch obendrein der Eitelkeit einer ſchöͤnen Frau danken müſſen. Ach Reymond! du haſt uns um unſern Theil, an deinem Ruhme beſtohlen.“—„Ruhm!“ wiederholte der Maler,„ich ſuche nicht Nuhm, ich ſuche nur die Kunſt, und die Kunſt iſt es, welche mich tödtet. Gott! wenn ich Italien geſehen hätte, wenn es mir vergönnt geweſen wäre, die himmliſchen Fresken des Vatikans zu bewundern. O Rom! O heilige Kunſt!“ —„Du ſehnſt dich nach Rom? Warum haſt du es ſobald wieder verlaſſen?““
In dieſem Augenblike hielt hart am Eingangsthore, nahe bei den Spre— chenden, ein Wagen. Ein bejahrter Mann ſaß im Hintergrunde. Neben ihm eine Dame, welche ſich auf der andern Seite auf die anmuthigſte Weiſe über den Wa— genſchlag hinausbog und mit einigen Perſonen, welche am Wagen ſtanden, ſprach. —„Guten Morgen, Liebe! Haben Sie mein Porträt geſehen?“ ſo hörten beide Maler eine Dame fragen..„Ja,“ war die Antwort.„Herrlich! unnachahm—⸗ lich! Sie ſind es, wie Sie leben. Ich empfehle Ihnen den Maler, ein viel ver— ſprechender junger Mann.“—„Und wie heißt er?“ fragte die junge Dame im Wagen.—„Reymond!— Sehen Sie, dort ſteht er, eben der große junge Mann auf den Stufen der Vorhalle, der iſt's.“— Die Dame wendete ſich ge— gen Reymond, und dieſer ſah beim Fortrollen des Wagens nur ſchnell das ent zükendſte Engelsgeſicht, welches er je in ſeinen Künſtleräumen geträumt.—„Ca— mille!“ rief er, indem er ſeinem Freunde heftig die Hand drükte,„es iſt gewiß zum erſten Male in meinem Leben, daß ich dieſes Mädchen ſehe, und dennoch iſt mir's, als ob ich ſie ſchon geſehen hätte, ich empfinde in meinem Herzen eine Aufregung, einem elektriſchen Schlage ähnlich; ja es gibt Augenblike, wo die Seele in Gegenſtänden, welche ihr zum erſten Male erſcheinen, wieder erkennt, was ſie nur früher geahnt hat, was ihr aber nie in der Wirklichkeit vorgekom⸗ men iſt.““
Am andern Tage, Morgens um neun Uhr, hielt eine Kutſche, mit Wap— pen auf dem Schlage bemalt, in der Straße Larochefoucauld vor dem Hauſe, in welchem der Maler wohnte. Reymond machte in ſeinem Morgenroke, ſeine Sammtmüze in der Hand, ganz verlegen und zitternd, ohne daß er ſich von dieſer ſeltenen Bewegung Rechenſchaft geben konnte, in ſeinem Atelier einem Fremden von Diſtinktion die Honneurs. Sie ſprachen von Kunſt und Künſtlern, und der Fremde ſchien in die erſte eingeweiht und die zweiten zu kennen. Rey— mond zeigte ihm mehrere ohne Rahmen an der Wand hängende Bilder, und beobachtete mit ſchüchterner Beklommenheit, zugleich aber auch mit eitler Er— wartung, welche ſeiner Seele bisher fremd waren, den Eindruk, den ſie auf den lejahrten Mann machten.—„So viel ich ſehe,“ ſagte der Fremde endlich in zierlich italleniſcher Sprache zu ihm,„ſo finde ich in dieſen Gemälden mehr die Eigenthümlichkeiten der franzöſſſchen Schule und zwar der neueren. Waren Sie nie in Rom?—„Ich war nie in Italien, ich habe niemals Rom geſehen,“ ant wortete der Maler.—„Ah, Sie ſind noch ſehr jung, Sie müſſen uns einmal beſuchen. Sie müſſen den Vatikan, müſſen Florenz und Venedig ſehen. In— deſſen biete ich Ihnen einſtweilen ein Modell, wie vielleicht der Meiſter aller Meiſter, Raphael, ſelbſt keines hatte. Ich wünſche, daß Sie das Porträt


