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meiner Tochter, meiner Leonzig, malen. Ich wohne auf dem Lande, nahe bei Paris, und Sie werden bei mir alles Nöthige finden. Gleich morgen, wenn Sie frei ſind, komme ich herein, Sie abzuholen.“— Der Maler las auf der Karte, welche ihm der Fremde bei ſeinem Abſchiede zurükließ: II Marchese B“**x.
Die Villa des römiſchen Marcheſe lag nur eine Stunde außer der Stadt, auf einem lachenden Hügel, von einem herrlichen park umgeben. Eine Terraſſe umgab das ganze erſte Stokwerk, und man ſah von hier(denn das Ganze war nur mit einem Gitter von vergoldeten Lanzen umgeben) die ganze Umgegend, und die Seine von der Ebene zu Grenelle bis Saint-Cloud. Hier war es, wo der alte Marcheſe, ſeine Tochter Leonzia und der Maler Reymond faſt jeden ſchͤnen Sommerabend des verfloſſenen Jahres zubrachten, ſich mit Ge— ſprächen wechſelſeitig vergnügten, und die lezten goldenen Sonnenſtrahlen hin— ter den Bergen verſchwinden ſahen.
Lange ſchon war Leonzia's Porträt gemalt; es war ein Meiſterſtük. Der Maler hatte anfangs ſein Modell bewundert, dann es mit aller Inbrunſt ſei— nes feurigen Herzens geliebt, alle Gefühle ſeiner Künſtlerſeele hatte er auf die todte Leinwand über tragen, ſo daß das Abdild lebte, wie das Original in ſeinem Herzen.—„Alles wird dieſe außerordentliche Aehnlichkeit bewundern, ſelbſt die Römer werden dieſem Werke des Geniens Gerechtigkeit widerfahren laſſen,“ ſagte der Marcheſe und Leonzia dankte dem jungen Künſtler mit zärtlichen Bliken, Reymond aber glaubte, ſein Pinſel ſei viel zu ſchwach geweſen, und nur eine menſchliche Andeutung des Göttlichen ſchien ihm ſein Gemälde zu ſein. Rey— mond liebte, ohne daran zu denken, und der alte Marcheſe, deſſen Stirne unter vor der Zeit ergrauten Haaren, und deſſen erloſchene Augen die Spuren heftiger Leidenſchaften und großer innerer Kämpfe an ſich trugen, hatte ſich an den jungen Maler ſo gewöhnt, daß er ohne ihn faſt gar nicht mehr leben konnte. Manchmal, wenn am Firmamen te ein Gewitter drohte, entfernte er ſich, von einem Nervenübel befallen, und ließ den Maler mit ſeinem Modelle allein. Da blieben dann die beiden jungen Leute oft ſtundenlang ſchweigend neben einander ſizen, aber doch in Entzüken ſchwimmend, denn ihre Augen, ihre Seelen ſpra— chen, und inniger vertraulicher, zärtlicher, als es Worte vermögen. Leonzia war früh rer Mutter beraubt worden, und da ſie auch keine Freundin gefun— den hatte, in deren Buſen ſie ihre kleinen Herzensgeheimniſſe hätte niederlegen können, ſo war ſie es gewohnt, ſich in ſich ſelbſt zurük zuziehen, allein zu denken und zu fühlen. Leonzia wußte, daß Reymond ſie liebte, und ſie ließ ſich gerne lieben.
(Beſchluß folgt.)
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Uotenſchlu ker. (Deut ſcher Poſtillon.)
Ein junger Komponiſt hatte mir ſeine neueſten Walzer geſchikt. Vor dem Schlafengehen(denn früher hatte ich keine Zeit dazu gehabt) ſezte ich mich an's Klavier, um ſie flüchtig durchzuſpielen. Ich müßte lügen, wenn ich ſagen ſollte, daß ſie mir gefallen hätten. Strauß'ſche Rhythmen, Lanner'ſche Motive, aber nichts Originelles, Eigenthümliches. Ich glaube, es gibt nichts mehr Neues in


