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beim Anblike dieſer Dame heftig ergriffen. Rom, die Sängerin, das große, er— leuchtete, und von Beifall wiedertönende Theater, Alles trat in den Hinter— grund vor dieſem einen Bilde, das ſich, je länger er es anſah, je mehr verſchö— nerte, verklärte. Das Geſicht erſchien ihm fröhlich, lächelnd, glüklich, wenn Roſſini in ſeiner Muſik tändelte; und wenn eine ernſte Modulation im Orche— ſter ertönte, oder den Lippen der Sängerin lang gehaltene ausdruksvolle Töne entſchwebten, verzogen ſich dieſe Züge zur nie geſehenen Wehmuth und ein ſicht⸗ bares Beben irrte über die Stirne und zukte durch die Augen der Schönen.— Als aber nun die Oper zu Ende und der Vorhang gefallen war, da blieb die Schöne in der Loge noch ſizen, und ihr blaſſes Geſicht drükte nur tiefen, ſchwer verhaltenen Schmerz aus. Die Seele des Künſtlers ahnte dieſe leidende Seele, und erkannte, daß ihr eine nahe, unvermeidliche Gefahr drohe. Und als ein Mann, welcher bisher in der Tiefe der Loge verborgen ſaß, zu ihr trat, ihr ſeinen Arm bietend, und ſie aufſtand, um ſich weg zu begeben, da fiel ihr lez— ter ſtrahlender Blik auf unſern Maler, und dann gleichſam flehend zum Him— mel.— Heftig raffte auch dieſer ſich auf, und eilte aus dem Theater. Als er, ſich durch die Menge drängend, in die Vorhalle gelangte, fuhr eben der Wagen ab, und er glaubte beim Fakelſchein durch die Gläſer ſeine blaſſe Schöne zu er— kennen.— Er ſtürzte dem Wagen nach, und als dieſer ihm über eine Straßen— eke aus den Augen verſchwand, folgte er ſeinem Geraſſel noch lange in den ſchwar— zen und menſchenleeren Gaſſen; und als er endlich anhielt, über ſeine Thorheit lachend, fand er ſich allein und verirrt mitten in der Nacht in einer ihm unbe— kannten Stadt.
Nach einer Stunde fruchtloſen Herumirrens ſtand er ganz ermüdet auf ei— nem Plaze, auf welchem ſich ein halb in Ruinen liegendes Monument erhob. Hoffend, er werde dort einen Zufluchtsort für den Ueberreſt der Nacht finden, ſezte er ſich auf einen Säulenſchaft und indem er ſein Haupt an die Mauer lehnte, ſenkte ſich ein Schlummer auf ſeine Augenlieder, als ihm plözlich eine Stimme in die Ohren flüſterte:„Seid Ihr es?“—„Ja,“ antwortete er ſchlaftrunken, und bevor er noch Zeit hatte, nachzudenken, was er geſprochen, fühlte er ſich ergriffen, die Augen verhüllt und in einen Wagen gehoben, wel— cher ſchnell mit ihm davon rollte.
Nach einer halben Stunde fruchtloſer Ueberlegungen, närriſcher Muthma— ßungen und kindiſcher Furcht hielt der Wagen an, zwei Männer hoben ihn heraus und trugen ihn durch einen Garten, welches ihm der Geruch der Blu— men und der unter den Füßen ſeiner Träger kniſternde Sand verrieth, durch mehrere Gemächer mit Teppichen bedekt, und endlich hielten ſie ſtill, nahmen ihm die Binde von den Augen und er ſah ſich in einem hohen, weiten, rundum feſt geſchloſſenen Saale, in welchem nur eine Lampe, auf einem Marmortiſche ſtehend, ihr ſpärliches Licht verbreitete. Kaum hatte er einen Blik um ſich ge— worfen, als ſich ein Beben ſeines Innerſten bemeiſterte.— Vor ihm am Kamine ſtand ein Mann von hoher Geſtalt, das Geſicht unter einer Maske von ſchwar— zem Sammt verborgen. Einige Schritte davon lag eine Frau auf einem Ruhe— bette, ebenfalls ſchwarz gekleidet und den Kopf mit einem ſchwarzen Schleier be— dekt, über ein kleines Mädchen gebeugt, welches im Schlafe noch ſchluchzte. Die— ſes unterdrükte Schluchzen des Kindes und das gemeſſene Piken einer Uhr auf dem Kamine war das Einzige, was man hier vernahm.— Die beiden Männer,


