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trat ein berühmter franzöſiſcher Maler zu dem Jüngling, klopfte ihm auf die Schulter und fragte ihn:„Sie haben alſo das gemacht, junger Freund?“— „Ja,“ antwortete der Jüngling,„aber es blieb mir keine Zeit, es auszufüh⸗ ren.““—„Thut nichts,“ erwiederte der Meiſter,„es iſt doch beſſer, als alle übrigen. Es iſt vortrefflich, ſage ich Ihnen— Sie müſſen nach Rom gehen,“ und dabei hielt er ihm die Hand hin.—„Tauſend Dank,““ verſezte der Jüng— ling,„tauſend Dank, Meiſter, für dieſe Worte,“ und dabei preßte er die dar— gebotene Hand an ſeine Bruſt.„Dieſe Anerkennung gilt mehr als der erſte Preis.“— In acht Tagen darauf reiſte der junge Künſtler nach Rom.
Nom, der Traum aller Künſtler und Dichter, dieſes ſublime Buch der Jahrhunderte, worin jedes Alter im Vorübergehen ein Zeichen in dem Stein zurükgelaſſen hat, dieſe ungeheure Weltruine, wo der Geiſt unter den Trüm— mern die Spuren alles Edlen, Großen, Mächtigen und Rühmwürdigen wieder findet; dieſes Rom, das er in weiter Ferne ſtudirt, nach dem er ſich ſo ſehr ge— ſehnt hatte, er ſollte es nun ſehen, dort athmen, leben und auch ein Maler werden. Und fliehen ſah er neben ſich die ſchönen Gegenden ſeines Vaterlandes, die grünen Hügel, die Bäume voll ſaftiger Früchte, die Flüſſe, die wie ein Sil— berband die Ebene durchzogen. Nicht kümmerten ihn die großen, lebhaften Städte, die herrlichen Fluren der Provence, nicht Marſeille, die geoße Stadt mit ihren Erinnerungen an Griechenland, mit ihrem beweglichen und launenhaften Volke, ſelbſt nicht das Meer und die balſamiſchen Düfte Italiens. Rom, nur Rom war es, was er ſuchte, Rom, für welches er alle ſeine Bewunderungen aufſparte, welches er immer dort ſchon zu ſehen glaubte, wo der Horizont in der Ferne ſich mit der Erde vermählte, das er in jeder neuen Stadt zu finden hoffte, deren Kirchthürme ſich in der Ferne ſeinen ſpähenden Bliken zeigten.— Endlich eines Abends kam er durch die Porta del popolo an. Im Abendrothe breitete ſich die Stadt ſtill auf den ſieben Hügeln aus, ähnlich einem ungeheuren Schatten, wel— cher ruht.— Er wollte noch heute ſeiner Erſehnten den erſten Beſuch abſtatten, nahm einen Wegweiſer und ließ ſich nach dem Koliſſeum führen. Lange blieb er dort, dann aber, als die Schatten dieſer ungeheuren Ruinen ſich in der Dun— kelheit immer vergrößerten, ging er ſchweigend zwiſchen modernen Gebäuden durch die ſtillen Straßen. Das ganze Leben Roms ſchien ſich dieſen Abend in einem einzigen Punkte konzentrirt zu haben im Teatro Argentina, die nahe gelegenen Straßen und die marmornen Palläſte waren vom Fakellichte erhellt, und das Pflaſter erzitterte unter den Rädern der Wagen römiſcher Edeln, welche in Menge herbeieilten, um einer gefeierten Sängerin zu applaudiren.„Signore Francese,“ ſagte ſein Führer zu ihm,„hier iſt das Teatro Argentina, wo heute die berühmte Signora Coronari ſingt. Corpo di Bacco! der Stern Roms, Mailands, Neapels, die Primadonna von ganz Italien.“
Er ging hinein; das Geſchrei der trunkenen Menge, die Beleuchtung, die Muſik, Alles entzükte ihn. Er applaudirte wie ein Romer der ſchönen Prima— donna, ihren Rouladen und den ohrenſchmeichelnden Tönen Roſſini's. Plözlich in Mitte einer Cavatine, in welcher die Sängerin alle ihre Kunſt und das ganze Metall ihrer herrlichen Stimme entfaltete, hefteten ſich ſeine Blike auf eine Frau— engeſtalt, ernſt und blaß, welche ſich aus einer Loge beugte. Künſtler ſind leicht erregbar, ſie haben eigent hümliche, heftige, unerklärbare Leidenſchaften,, ſie lie— ben oft nur mit den Augen, mit ihrer Künſtlerſeele. Unſer Maler fühlte ſich


