Jahrgang 
Band 1 (1840)
Seite
138
 
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Man nimmt gewöhnlich, an, daß die Kinder nach ihrem erſten Jahre zu ſprechen anfangen ſollen. Man ſei aber nicht beſorgt, daß das Kind ſtumm ge⸗ boren ſein müſſe, wenn es in dieſer Zeit, wenn es im zweiten Jahre, ſelbſt wenn es im dritten Jahre noch keine artikulirten Sprachlaute, oder einzelne Silben und Wörter ausſprechen kann. Laßt der Natur ihren Willen, das Kind wird ſprechen lernen, und wenn es zu ſprechen anfangen wird, ſo wird es in kurzer Zeit weit beſſer ſprechen, als viele Kinder, die ſchon ein Jahr früher ſprechen konnten. Das Früherſprechen eines Kindes iſt ſchlechterdings kein Be weis ſeines größern Verſtandes; ſondern nur ein Kennzeichen, daß es gelenkſamere Sprachorgane hat. Was hilft es dem Kinde, wenn es hundert Wörter ſprechen kann, wovon es keine Begriffe hat? Kinder, die etwas ſpäter ſprechen ler nen, ſprechen gewöhnlich richtiger und beſſer, weil ſie von dem, was ſie benen nen, im dritten Jahre ſchlechterdings mehr Begriffe haben müſſen, als im erſten Jahre. Nur wenn ſie allzuſpät, wenn ſie im vierten und ſpäteren Jahren noch keine vernehmlichen Töne einer beſtimmten Ausſprache äußern, nur dann ſoll man beſorgt ſein, und in ſolchen Fällen ſich an einen geſchikten Arzt ſich wen den. Oft liegt der Fehler nicht an den Sprachwerkzeugen, ſondern am Gehör. Hofrath Loder führt einen Fall an, daß ein Wundarzt einem zehnjährigen Kna ben zwei Mal das Zungenband gelöſt habe, und weil er die Sprachloſigkeit ein zog nur in dem Fehler der Zunge zu ſuchen wußte, ſo würde er wohl gar zum dritten Mal zu dieſer Operation geſchritten ſein, wäre es nicht von andern ent dekt worden, daß der Knabe taub ſei.

Die zweite Regel iſt: Man gebe auf die Silben und Worte Acht, die das Kind am erſten und deutlichſten ausſpricht; man ſuche dieſe mit andern ihnen ähnlichen Silben und Wörtern zu vereinigen, oder zuſammenzuſezen. Je glük licher es dabei geübt wird, deſto mehr wird es ſprechen lernen wollen. Dabei dringe man auf Deutlichkeit der Ausſprache und eine volle Stimme. Man ſei nicht ſchon zufrieden, wenn das Kind einen ähnlichen, lallenden oder in ſich ver ſchlukten Laut hervorbringt; denn von dieſer Nachſicht ſtammt oft der Fehler her, daß uns ein fehlerhaftes Ausſprechen die ganze Lebenszeit hindurch anhängt. Ihr Mütter, wenn Eure Kinderwärterinen mit Eurem Kinde vor Euch erſcheinen und Euch die Freude machen wollen, daß Euer Liebling ſchon viel Wörter aus zuſprechen anfange; ſo gebt jenen ſchmeichleriſchen Geſchöpfen Euern Beifall nur dann, wenn Euer Kind deutlich und laut ausſpricht. Glaubt nicht, daß ſich dieſes ſchon von ſelbſt geben werde, und ſeid weder damit zufrieden, noch froh darüber, wenn Ihr nur einige Laute hört, die Silben und Wörtern ähnlich klingen: denn ſeid verſichert, in ſolchen Fällen erzeugt Nachſicht Fahrläſſigkeit. Eine einzige Fahrläſſigkeit ward aber oft ſchon die Mutter manches großen Nachtheils.

Drittens ſei man beſorgt, daß die Kinder kein Wort ausſprechen dür fen, wenn ſie nicht zugleich von dieſem einen deutlichen Begriff entweder ſchon erlangt haben, oder zugleich dabei erlangen können. Dieſe Vorſchrift wird dadurch ſehr erleuchtert werden, wenn man den Kindern nur das bei ſeinem Namen ausſprechen und nennen läßt, was es zu haben und zu beſizen wünſcht, wozu es eine beſondere Neigung äußert, und darauf hindeutet. Fehlerhaft und faſt grau ſam iſt es, den kleinen Geſchöpfen bei unſchuldigen Gegenſtänden hinderlich zu ſein, und ſie nur für Dinge beſtimmen zu wollen, die uns belieben. Z. B. das Kind ſieht eine Blume, will ſie haben, äußert ſein Verlangen ſchon durch die Silbe