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Blu— deutet mit ſeinen Händen dahin, und man verweigert ihm dieſe; will es aber zwingen, Brot zu ſagen, das man in den Händen hat. Wäre das Kind hungrig, es würde die Blume nicht achten, und nach dem Brote verlan— gen. Beſſer iſt es, man fordert das Kind auf, Blume rein auszusprechen, und ſolche ihm dann zu geben; aber mit der Silbe Bleu— muß man nie zufrieden ſein, ſondern es ſo lange durch das Vorſprechen Blume zu reizen ſuchen, bis es das Wort deutlich mit ſeinen zwei Silben ausſpricht. Verfährt man anders mit ihm, ſo ſchreibe man die unangenehmen Folgen aller Erſchwerniſſe dieſer Art nicht dem Kinde, ſondern ſich ſelbſt zu. Durch eine ſolche verkehrte Weiſe, die Kinder Sprechen-Lernen zu vermögen, macht man ſie zugleich eigenſinnig und hartnälig.
Von Allem aber, was überhaupt das Kind nennen ſoll, muß man ihm den Gegenſtand ſelbſt vorhalten, damit es zugleich eine anſchauende Erkenntniß von ihm erlange. Hat es dieſe erlangt, ſo wird es gewiß das Wort bald ausſprechen. Sollte wohl noch errinnert werden müſſen, daß man dem Kinde keine andern Gegenſtände vorhalten und darſtellen dürfe, als folche, die ſeinen Faſſungskräf⸗ ten und ſeinem ſinnlichen Vermögen zuſagen können? Zeigt einem dreijährigen Knaben eine Krone,— er wird gleichgiltig bleiben;— zeigt ihm aber eine Trommel, trommelt ſelbſt— er wird vor Freuden außer ſich ſein, wird nicht raſten, bis er das Wort Trommel ausſprechen kann, weil er die Trommel nicht eher in ſeine Hände bekommen ſoll.— Wenn das Kind nie ein Wort eher nen⸗ nen darf, als bis es einen Begriff durch die anſchauende Erkenntniß erhalten hat, ſo bildet man, indem es ſprechen lernen ſoll, zugleich ſeinen Geiſt aue. Lehrt man zu frühzeitig die Kinder mehr Wörter, als Begriffe, ſo iſt man in Ge⸗ fahr, ſpäterhin verſtandloſe Schwäzer an ihnen zu erziehen. Leichter mag wohl ſolch eine Weiſe ſein, aber keineswegs erſpries licher. Und iſt es nicht entwürdi— gend, einen Menſchen,— denn iſt nicht das Kind ein Menſch?— nicht beſſer als einen Staar oder Papagei zu behandeln, der gebrochen nur ſchwazen, aber nicht denken lernen ſoll? Und kann ein gedankenloſes Weſen wohl auf den gro— ßen Namen Menſch einen Anſpruch machen?
Auch erlaube man es weder den Kinderwärterinen, noch ſich ſelbſt, daß man die Wörter der Gegenſtände, die die Kinder nennen ſollen, anders benenne, als ſie unter den Erwachſenen genannt werden. Warum ſoll bei einem Kinde Hotto, Muſche, Huſche, Vaubau— eben daſſelbe heißen, was die Er⸗ wachſenen Pferd, Kuh, Gans, Hund nennen? Warum ſoll ein Kind zwei Mal nennen lernen, das es mit einem Mal lernen kann? Indem man ſich zu den Kindern durch ſolch ein läppiſches Weſen herabzulaſſen verſucht, verwöhnt man ſie oft zu einem lebenslänglichen läppiſchen Weſen.— Man wird bisweilen an guten, willfährigen Kindern wahrnehmen, daß ſie, troz ihrer Auſmerkſam— keit, troz ihres Beſtrebens, ſo richtig nachzuſprechen, als ihnen vorgeſprochen wird, dennoch ganz andere, und ſogar fremdartige Wörter ausſprechen, und da⸗ bei ſteif und feſt glauben, daß ſie die vorgeſprochenen Worte richtig nachgeſpro— chen haben. An ihren Sprachwerkzeugen liegt dieſes nicht, das hören wir; an ihrem guten Willen liegt es auch nicht, das bemerken wir deutlich genug; nun, dann muß der Fehler in ihrem Gehörwerkzeuge aufgeſucht werden. Denn die Töne, wie wir ſie ausſprechen, ſchlagen ganz anders an ihr Gehörwerkzeug


