Jahrgang 
Band 1 (1840)
Seite
131
 
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Allerweltsadreſſe.Erwarteteſt du mich denn hier? Wie kamſt du über⸗ haupt dazu, die Einladung auf dich zu beziehen?

Dieſe Fragen trug Auguſte ſo klug und aufgeheitert vor, als wenn ihr plözlich ein Licht in dies Dunkel käme. Eben wollte ſie weiter forſchen, als Hugo abbrach, ihren Arm ergriff und ſagte:Laſſ' es nun gut ſein! Ich mußte, als ich den Brief in unſerem Hauſe fand, wohl etwas Unrechtes merken, und ſo Aber wie kamſt du nur in dieſe Zimmer?, Hier iſt ja alles wie ausgeſtorben. Ich ſchrieb an Fanny nach Baden meine Idee mit dem Bilde. Sie wies mir die Schlüſſel ihrer Gemächer an und erlaubte mir, ſie wie die meinigen zu benuzen. KriehuberEs iſt ſchon gut, ſagte Hugo;er ſoll nun uns beide ma- len.Und nicht wahr? fragte Auguſte, zärtlich ſich an ihn ſchmiegend, Eugenie zwiſchen uns? Hugo wiederholte mit erkünſteltem Schmelze:Und Eugenie zwiſchen uns!

So gingen ſie, wie ein eben verlobtes Paar, über den Graben nach ihrer Wohnung zurük. Auguſte, die früher ihren Mann liebte, vergötterte ihn jezt.

Hugo war aber ſeitdem in ſeinen Privatangelegenheiten vorſichtiger.

Das Belvedere des Dlinden.

Einige Miglien von den Lagunen fiel mir ein nettes Häuschen mit einer luftigen kanzelartigen Erhöhung auf, zu der eine Stiege führt. Ich hörte, das Häuschen gehöre einem Blinden! der habe ſich eigends dies Belvedere gebaut! Ein Blinder? und baut einen Thurm der Ausſicht wegen? Der Mann zukte die Achſeln und verſezte troken:Es ſei einmal ſo, wo dieſer Blinde ein Haus ha be, da fehle gewiß das Belvedere nicht.

Eine ſonderbare Idee von einem Blinden! Freilich ſind ſolche Extra vaganzen gerade nichts Seltenes. Wie viele kaufen Bücher, die ſie nicht leſen können; werfen ihr ganzes Leben an einen unerreichbaren Traum des Ehrgei zes, oder verkümmern in Arbeit und Entbehrung, um im Alter, wohin ſie viel leicht nie gelangen, wenige Jahre ein Glük zu genießen, welches im beſten Falle von tauſend unerkaufbaren Dingen abhinge, die ſich ſchwerlich gerade zuſammen fänden!

Oder ſuchte dieſer Blinde und es kann wohl nichts anders ſein ſuchte er im fremden Genuſſe ſeine eigene Vefriedigung? wäre er edel und weiſe genug, neidlos anderen zu gewähren, was ihm ſelbſt verſagt iſt, um von dem heiteren Behagen für ſich ſeinen beſcheidenen Theil hinzunehmen? Mendelsſohn freute ſich am Appetit ſeiner Gäſte, während der Arzt ihm den Antheil am Mahle un ter⸗ ſagte. Auch in Wien lebt eine Blinde, eine edle, gebildete Dame, die zu ihren Spazirgängen am liebſten Punkte wählt, wo ſich eine reizende Ausſicht öffnet. Dergleichen Züge ſind ſeltener als Aufopferungen; denn es ſind Opfer, denen das Glänzende fehlt, die dem Tugendſtolz leiſer ſchmeicheln; ſie ſezen eine ſel⸗ tene Zartheit, eine innige Liebe in der Seele voraus; auch findet man ſie weit öfter bei Frauen als bei Männern.(Echo.)

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