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ſie wäre Perl, Juwel— und was man in einer ſo fiebernden Geſchwäzigkeit und Geiſtesunruhe mehr Thorheiten der Art zu ſagen pflegt. Er ſprach von ſeinem Geburtstage, der heranrükte und den ſie mit dem lauteſten Gepränge— — nein, verbeſſerte er ſich, den wir ganz im Stillen, in unſerm Garten, in unſerm Garten, in der Laube, die uns ſo theuer iſt, feiern wollen. Seine Frau war glüklich, daß ihn heute ihre Nähe ſo bezaubern konnte. Sah ſie einen Au—
genblik weg, ſo zog er den geheimnißvollen Brief hervor, drükte ihn an ſein
Herz und fuhr, wenn ſie ſich umwandte, damit ſchnell wieder in die Bruſtta—
ſche.„Und unſere Eugenie!“ ſagte er,„wo iſt ſie? Wo iſt das himmliſche Kind?
Laß das Engelbild holen?“ Wie glüklich war die junge Mutter! Man brachte
das Kind, es ſchrie entſezlich; aber Hugo behauptete das wären Glokentöne für
ihn.„Nicht wahr, liebe Auguſte,“ ſagte er zu ſeiner Frau,„nicht wahr, die
Betten ſind doch für das Kind nicht zu warm? Du gewöhnſt es an friſche Luft? Es
wird doch kalt gewaſchen? Du haſt doch freundliche Gegenſtände um das Bett—
chen herumgeſtellt? Komm, komm, laß? uns ein Kapitel aus Rouſſeau's Emil,
leſen!“— Auguſte lachte ſelig über ſeinen Eifer und ließ das Buch nicht holen,
weil ſie Takt genug beſaß, um zu wiſſen, daß man zu manchen ſich oft bereit
erklärt, aber doch um Verſtimmungen zu vermeiden, keine Probe damit anſtel—
len darf. Sie war überglüklich, ihn heute feffeln zu können. Er blieb den gan—
zen Abend, ging nicht mehr aus, war brav und gut, und machte, da zum Thee
einige Freunde kamen, den Wirth ſo gewiſſenhaft, mit ſo wenig Zerſtreuung,
wie Auguſte ihn noch nie geſehen hatte.„Gute Nacht, Auguſte!“—„Gute
Nacht, Hugo!“ So ſüß hatten dieſe Worte lange nicht auf dem Korridor ge—
tönt, der zu den Schlafgemächern führte.
Den folgenden Morgen war Hugo ſchon früh bei der Hand. Noch ehe er beim Frühſtük erſchien, hatte er im Stall ſeine Pferde begrüßt, hatte er die Nummern der Journale, die er ſich hielt, geordnet und für den Buchbinder zurechtgelegt, hatte er einige nothwendige Geſchäftbriefe an die Verwalter ſei— ner Güter in Böhmen und Mähren erledigt. Beim Frühſtük hatte er ſo drollige Einfälle, wie ein junger Ehemann am Lendemain. Er ſprach allerlei närriſches Zeug. Auguſte hätte ihn küſſen mögen, und that es auch. So ging es bis halb zehn Uhr. Da plözlich brach er ab.„Liebes Kind,“ ſagte er ſanft,„heute hab' ich manches zu thun. Nun laß mich an meine Geſchäfte gehen.“—„Ge— ſchäfte!“—„Wirklich, wirklich! Graf F. läßt ein Pferd verſteigern, von dem ich behaupte, daß es nur auf beſſere Dreſſur ankäme, um den erſten Renner daraus zu machen. Im Schachklub ſollen einige Ballots gehalten werden und ich muß Stimmen ſammeln, um einige meiner Freunde hinein zu bekommen; der junge Muſiker, der uns von Carlsruhe empfohlen iſt, will ein Konzert im Kärthnerthor geben; ich muß die Intendanz ſprechen; der Gartenverein hat mich zum Mitglied ernannt, ich muß bei den Sizungen doch einigemal miter— ſcheinen. F. Halm hat ein neues Stük geſchrieben und will es mir, dem Ba— ron.... und dem Bauernfeld, uns, den kompetenteſten Kunſtrichtern, vor— leſen.— Du ſiehſt, Theuerſte, wo ſoll ich die Zeit hernehmen? Adieu! mein Herz; ob ich heute zu Tiſch komme, ich zweifle; leb' wohl; Auguſte, leb wohl, und dieſen Kuß für Eugenie!“
Nun war Graf Hugo allein. Den Brief auf ſeinen Waſchtiſch gelegt, da— mit er ſich vorläufig in die Handſchrift verliebe, begann er eine Toilette zu


