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machen. II s'adonisait wie ein Gott, und verließ nach eilf Uhr ſein Hotel.— Zunächſt mußte er ſich nach der in dem Billet bezeichneten Nummer des Gra— bens umſehen. Wie erſtaunte er, als er an der Häuſerreihe immer weiter und weiter zählte und endlich vor einem Hauſe ſtand, das von einem der erſten Banquiers Wien's, einer ſeiner nahen Bekanntſchaften, bewohnt wurde. Mein Gott,, dachte er, ſollte denn in dem Hauſe ein Puszgeſchäſt etablirt ſein, oder eine ähnliche anſtändige Vermittelung anſtändiger Rendezvous? Wie iſt mir denn? Sollte die junge liebenswürdige Fanny, die Gemahlin des langweiligen Großhändlers, ſelbſt.... Nein, nein, ich kenne deren Handſchrift, und was mir eben einfällt, ſie iſt ja ſeit acht Tagen in Baden. So wird wahrſcheinlich ihre Kammerfrau die Leiterin dieſer kleinen Intrigue ſein, und in Abweſen— heit ihrer Herrſchaft ſich auf Nebenverdienſte der Art—
Sinnend ging er vorüber. Es war erſt halb zwölf Uhr. Seine Neugier ſtieg immer höher und machte, daß er ſich in Gedanken ganz verlor. Mancher unter dem Burgt hor, auf dem Glacis, am Theſeustempel ihm geſpendete Gruß ging unbemerkt für ihn verloren. Ob er in den Staatsdienſt treten wolle? fragte ihn einer ſeiner Freunde, die dieſes grübelnde Sinnen auffiel, im Vorüber— gehen. Ob er zu viel Eiſenbahn-Aktien hätte? fragte ihn ein Anderer. So ver— ſtrich die Zeit; nur noch fünf Minnten waren übrig. Hugo wandte jezt um und ging auf den Graben zurük.(Beſchluß folgt.)
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Verſchiedenheit der Bettelei.
Man tann die Bettler eines Landes recht gut mit einem Barometer und die Kultur mit der Atmoſphäre des Volkes vergleichen, ſo daß ſich das Eine durch das Andere erklärt. Zufällig, nur äußerlich begründet iſt es wenigſtens nicht, daß ein Franzoſe ganz anders bettelt, als ein Deutſcher, ein Spanier an— ders als ein Ruſſe u. ſ. w. Die Franzoſen haben das Evangelium der Frei— heit und Geichheit in ihr Fleiſch und Blut verwandelt und es zwar durch die Guillotine größtentheils wieder abgehagt und abgezapft, ſo viel iſt im ganzen Volke geblieben, daß ſich Jeder fühlt, daß er ſich einen ganzen Mann dünkt. Dabei ſind die Franzoſen das ſanguiniſche, geſchliffene, das höfliche Volk. Die Bettler ſind demnach kek, gewandt, aber ſie ſind höflich und haben Konduite. Wenn Einer bettelnd an Jemand herantritt, ſo geſchieht dies mit den üblichen Höflichkeitsformeln, aber nicht kriecheriſch und hundemäßig; er tritt hin, als wollte er ſagen: Mein Herr, da ich zufällig kein Geld habe und Sie ohne Zwei— fel bei Kaſſe ſind, erlaube ich mir die Freiheit, Sie um ein Paar lumpige Sous zu erſuchen— aiyez la bonté, Monsieur! Es iſt doch im Grunde nur ein ganz blinder Zufall, daß Sie Geld haben und ich keins, im Grunde ſind wir gleich und beide freie Franzoſen, ſeit 1780 und 1830.— Der franzöſiſche Pauperis— mus iſt des halb ſtaatsgefährlich, weil er über ſich hinausgegangen iſt. In dem Lande der Beafſteaks, des grellen Unterſchiedes zwiſchen den ungeheuern Reich— thümern der Lords und des Pöbels, der Ariſtokraten und des Volks, haben die Bettler einen ganz andern Charakter; ſie erkennen den Unterſchied als einen nothwendigen, ich möchte ſagen, vernünftigen an, des halb'ſind ſie nicht unzufrie— den und der Reiche gibt in hergebrachter Weiſe und der Arme nimmt auf ſeinem


