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Anſichten. Urtheile. Begebniſſe.
Theater.
Peſt h.(Oberon.) Glänzender, prachtvoller und ſplendider ward wohl hier nie eine Oper ausgeſtattet, als dieſer Weber'ſche„Oberon.“— 15, ſage fünfzehn neue Dekorationen, eine herrlicher und geſchmakvoller als die an—⸗ dere, von Neefe's Meiſter hand gefer— tigt! Die Brillantpunkte waren die Schlußdekoration des erſten, die des
zweiten und jene des dritten Aktes, in
welchen ſich ſowohl die Genialität im Entwurfe, wie auch der beharrlichſte Fleiß in der Ausführung kund gibt. Dies im Vereine der magnifiquen, ganz neuen Koſtümirungen von Hrn. Krom—⸗ mer gab ein wahres Pracht gemälde, das uns in die mährchenhafte Welt der alten Orientalen verſezte. Wie oft Hr. Direktor Schmid und Hr. Neefe geru⸗ fen wurden, können wir nicht angeben; daß ſie es aber für ſolche Beſtrebungen redlich verdienten, wird Niemand läug— nen, um ſo weniger, da, wie es der Erfolg lehrte, hier nicht auf Spekula— tion angeſehen werden konnte, ſondern Alles im reinen Intereſſe der Kunſt ge— ſchah. Dieſes Tonwerk Weber's wird von vielen Kunſtrichtern, die es ſehr ſtreng mit den Kompoſizionen nehmen, für klaſſiſſch und unſterblich an⸗ erkannt. Da man aber weiß, daß das heutige, ſo ſehr an dem Vergänglichen und an vorübereilenden Genüſſen ge— wöhnte Publikum nicht ſehr nach dem Gediegenen und Gelehrten lüſtern iſt, ſo muß man ihm die ſo präziöſe Speiſe durch äußern Prunk möglich verzukern und dies geſchah hier auf eine wahrhaft lururiöſe und verſchwenderiſche Weiſe. Es iſt allerdings bedauerlich, daß klaſ— ſiſche Muſik durch dieſe Nebenbehel fe aufrecht erhalten werden müſſe; aber es iſt nun einmal ſo, und die Direktion,
die ſich von dem Umſtande, daß„Oberon“ nur an wenigen Bühnen einen günſtigen Erfolg erlebte, nicht abſchreken ließ, ihn mit ſolchen Opfern in die Szene zu bringen, verdient den wärmſten Dank aller Kunſtfreunde. Was die Oper fer— ner anbelangt, ſo fürchten wir, daß ſie z u unſterblich und zu klaſſiſch ſei. Man hat bereits aufgehört, das Theater für ein Konſervatorium der Muſik zu hal— ten; man geht in die Oper, um zu hö⸗ ren und den Augenblik zu genießen, auf eine„Nachwirkung“ rechnet Niemand mehr; drei Stunden Genuß iſt hinlänglich für das geringe Entrce. Ob dieſe Richtung des Geſchmaks eine lobenswerthe iſt, wollen wir nicht ent— ſcheiden; es iſt aber nun einmal ſo. — Eine Oper mit untermiſchter Proſa will das Zeitalter auch nicht mehr, be— ſonders wenn die Proſa nicht den Ge— halt einer franzöſiſchen von Ser ie— be de. hat, und wenn die Sänger nicht zu ſpielen verſtehen; hier, in„Oberon“ verdirbt ſie den guten Eindruk der Mu⸗ ſik, die doch viele wahrhaft ſchöne Num— mern und Effekte hat. Namentlich iſt die Ouverture eine der beſten u. wirk⸗ ſamſten, die je einer Oper voranging. — Was die 1. Aufführung anbelangt, ſo war ſte faſt nur als eine Generalprobe anzuſehen, indem nur unſere Geſangs— heroin Dlle. Carl(Rezia) Ausgezeich⸗ netes und Vortreffliches leiſtete; mit der vollendetſten Bravour glitt ihr kräf— tiges, volltönendes Organ über die Schwierigkeiten dieſes keineswegs ſehr dankbaren Partes hinweg; in der gro— ßen Arie im zweiten Akte war ihr durch den Affekt geſteigerter kunſtvoller Ge— ſang wahrhaft erſchütternd.— Ihr aus— erleſener Geſchmak beurkundete ſich auch in ihrer wahrhaft bezaubernden Toi— lette. Sie riß zu dem ſtürmiſchſten Bei—⸗ fall hin und erſchien vielmal gerufen.—


