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werden! Ich ſollte durch Betrug erlangen, was mir auf Erden das Theuerſte iſt, die Achtung der Menſchen und Mariens Hand! Ich ſollte mich als braven Mann geehrt ſehen, und das Bewußtſein im Herzen tragen, daß ich das nie— drigſte und entehrteſte Weſen auf Erden bin! Nein! nein! feig, wie ich bin, ſoll man mich lieber dafür kennen, als daß ich durch Betrug den Ruf des Mu⸗ thes erlangen ſollte.“—„Sehr gut! ich werde es Fräulein v. Nerville mit⸗ theilen.“—„Nur ihren Namen nennt nicht! Ach! um des Himmels Willen nicht! Wie leide ich! Was ſoll ich thun! Lascour, Laslour, Ihr ſeid mein bö— ſer Geiſt! Marie, o Marie! entehrt in deinem Gedächtniß zu leben! O könnte ich mit meinem Leben nur einen Tag des Muthes erkaufen!“—„Sie würden dann einen ſehr ſchlechten Handel machen, da Sie den Namen dafür für nichts erringen können. Hören Sie mich an! Ich allein habe die Beleidigung geſehen, die Sie empfingen; ich allein habe das Gerücht verbreitet. Greifen Sie mich als Verläumder an, und es iſt verwiſcht. Morgen früh gehen wir auf den Kampfplaz und feuern gegenſeitig; aber ſechs Zoll zu hoch;— merken Sie wohl! ſechs Zoll zu hoch.— Nach dem erſten Schuß werden ſich unſere Sekun— danten in's Mittel legen. Sie aber, denn Ihnen will ich allen Ruhm überlaſ⸗ ſen, erklären, daß Sie nicht befriedigt ſind, wir wechſeln zum zweitenmale Ku— geln, verſteht ſich, indem wir wieder zu hoch ſchießen. Die Sekundanten wer— den den dritten Schuß nicht zugeben. Sie fügen ſich ihren Vorſtellungen, erklä— ren aber zu gleicher Zeit, daß Sie an meiner Stelle nicht befriedigt ſein würden, und deſſenungeachtet werden jene darauf beſtehen, daß wir uns die Hände geben. Wer, frage ich Sie, kann alsdann noch an unſerm Muthe zweifeln? und be- ſonders an dem Ihrigen? Sie werden ein Held ſein, und mit Entzüken wird Ihre Geliebte den Bericht leſen, den ich Sorge tragen werde, von dem Duell zu geben.“
Savigny antwortete nicht; er raufte ſich die Haare aus, ſeine Knie ſchlot— terten an einander, und ſein ganzes Aeußere verrieth das Uebermaaß ſeiner See— lenangſt, die ſelbſt das herzloſe Weſen betrübte, das ſie verurſacht hatte. Plöz⸗ lich erhob er ſich:„Dieſen Abend alſo! in der Oper!“ ſchrie er mit gebroche— ner Stimme, und ſtürzte in ein Nebenzimmer.— Alles gelang nach Lascour's Plan. Die Sekundanten machten den Bericht über den Hergang des Duells, ehe ſie den Plaz verließen. Lascour's Sekundanten belobten Savygny's Benehmen, und drükten den Wunſch aus, ſich unter die Zahl ſeiner Freunde zählen zu dür⸗ fen. Er verbeugte ſich, ohne eine Antwort zu geben; als ſie ihm aber vor— ſchlugen, zuſammen zu frühſtüken, entſchuldigte er ſich, und eilte zur Frau von Nerville.
Die Damen hatten vom Duell gehört; Mariens Auge war mit Thränen gefüllt; ſie wankte unregelmäßigen Schrittes im Zimmer umher. Jeden Augen— blik rannte ſie an's Fenſter, legte ſich ſo weit wie möglich hinaus, und rief zu⸗ rükkehrend aus:„Er iſt todt! o gewiß, er iſt todt!““—„Mein Kind, theures Kind, betrübe dich nicht auf dieſe Weiſe!“—„Und ich beſchuldigte ihn der Feigheit! ich konnte glauben, daß er ſich eine Beleidigung gefallen ließe, und das in dieſem Augenblie gar!“—„Er wird zurük kehren, theure Marie, ge— wiß, er kehrt zurük!“—„O könnte ich ihn nur ſehen! könnte ich mich ihm nur zu Füßen werfen, und Verzeihung für meinen unwürdigen Verdacht erfle— hen! Aber er iſt todt! gewiß, er iſt es— und ohne mir vergeben zu haben!!“


