Keiner hatte gegen dieſe Bemerkung Etwas einzuwenden. Als kurz dar— auf Frau v. Nerville ſich umſah, ſprach ſie mit Erſtaunen:„Es iſt doch ſonder— bar, daß Savigny uns, ohne ein Wort zu ſagen, verlaſſen hat!“
Den nächſten Morgen ſaß Savigny allein auf ſeinem Studierzimmer, als Lascour gemeldet ward. Mit feſter Zuverſicht trat dieſer herein und ſtieß ſich nicht an die zeremonielle Höflichkeit, mit welcher er empfangen ward.„Mein Herr!“ ſagte er,„ich hatte die Ehre, Sie bei Frau v. Nerville zu ſehen, und ich komme, Ihnen einen Dienſt zu leiſten.“—„Darf ich fragen, welchen?“— „Mein Herr! Sie ſiud eine Memme!“—„Wie, mein Herr, dürfen Sie wa— gen—“—„Stellen Sie ſich nicht ärgerlich; Sie wiſſen wohl, Sie ſind nur erſchroken. Uebrigens kam ich nicht in der Abſicht hierher, Sie zu beleidigen; erſparen Sie ſich demnach die Mühe, einen Muth zu zeigen, den Sie nicht be— ſizen; mich können Sie nicht täuſchen. Ich will Sie nicht Memme ſchimpfen, weil das Wort Sie beleidigt; ich will nur ſagen, daß Sie keinen Muth haben. Aber, mein Herr, ich bin eben ſo feig, wie Sie ſind; eben ſo feig, ſagte ich; tauſendmal feiger, und das iſt es, was mich heute zu Ihnen führt; verſtehen Sie mich nicht?“—„Durchaus nicht, mein Herr!“—„Ich glaube es wohl, aber gedulden Sie ſich. Sie erinnern Sich, vor einigen Tagen im Pavillon d'Er— menonville im Bois de Voulogne gefrühſtükt zu haben, und daß ein bärtiger, wild ausſehender Kerl—“
Bei dieſen Worten ward Savigny todtenblaß, er bedekte ſein Geſicht mit den Händen und murmelte mit ſchwindender Stimme:„Um des Himmels Wil— len, ſchonen Sie mich!“—„Fürchten Sie nichts, mein Herr!“ erwiderte Las— cour kaltblütig,„ich würde dieſen Umſtand nicht in Ihr Gedächtniß zurükru— ſen, wäre es nicht nothwendig, daß Sie mich als deſſen Zeugen kennen. Sie ſtehen im Begriffe, das ſchöne und reiche Fräulein von Nerville zu heirathen. Geſtern, nachdem Sie ſich entfernt hatten, ſagte ich den Damen, daß Sie der Mann ſeien, von dem wir geſprochen hätten, worauf die junge Dame mit Be— ſtimmtheit erklärte, daß ſie nie einen entehrten Mann ihren Gatten nennen werde.— Sie ſehen, daß ein Duell für Ihre Ehre ſowohl, wie für Ihr Glük unumgänglich nothwendig iſt; es muß aber ein Duell ſein, wobei Sie keine Ge⸗ fahr laufen;— Verſtehen Sie?— ein Duell, wobei Sie keine Gefahr laufen. — Nun mein Herr, wiſſen Sie den Zwek meines Beſuches.““
Lascour hielt einen Augenblik inne. Savigny blieb bewegungslos, blaß, wie der Tod, die Augen zu Boden geſenkt. Lascour betrachtete ihn mit ironi— ſchem Lächeln, und fuhr fort:„Gleich Ihnen, babe ich alsdann Gelegenheit, meinen Muth zu zeigen. Sie wiſſen, daß ich eine Zeitung herausgebe, und wenn ein Mann ſich durch dieſes Handwerk ernähren will, darf er nicht zu ge— wiſſenhaft ſein in dem, was er ſchreibt. Einige Perſönlichkeiten, ſkandaleuſe Ge— ſchichtchen, auch einige Erdichtungen, welche altmodiſche Leute Lügen nennen würden, müſſen nothwendig der größten Zahl der Leſer gefallen. Sie ſehen nun deutlich, mein Herr, daß ich nothwendig ein Duell haben muß, welches des Aufſehens genug erregt, um mir in Zukunft als Dekmantel zu dienen.— Als ich Sie die Ohrfeige empfangen ſah, dachte ich die erſte Gelegenheit zu benuzen, Sie öffentlich zu beleidigen, um mir den Ruf des Muthes auf Koſten Ihrer Feigheit zu gründen; aber, ich weiß ſelbſt nicht warum? dieſer Beleidigung un— geachtet, muß ich Sie achten. Ich bemerkte in dem Augenblik, wo Sie dieſelbe


