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ſo wenig nach Belieben heldenmüthig, als hungrig ſein. Vor einigen Tagen erſt erzählte mir unſer Freund, Kapitän Vervière, von einem jungen Manne, wel— cher in Folge einer erhaltenen ſchweren Beleidigung den Veleidiger forderte, und auch auf dem Kampfplaz erſchien, im Augenblike aber, wo er den Degen ergriff, in Ohnmacht fiel. Dreimal verſuchte er zu fechten, und dreimal fiel er ohnmächtig hin. Würden Sie dieſen Mann verachten? War er oder ſein Ner— venſyſtem Schuld daran? Vielleicht hat er das Gefühl der Ehre, hat eine reine Seele; aber ſeine Organe ſind ſchwach; tadeln Sie ſeine Beine und nicht ſein Herz.“—„Ich behauptete,“ erwiderte Marie, mit feſter Stimme,„daß ein Feiger der Ehre ſowohl wie des Mut hes entbehrt. Ich könnte meinem Gelieb— ten ein großes Verbrechen verzeihen, denn ſelbſt die edelſten Seelen können zu einem Vergehen verleitet werden; aber eine Memme! O! ſchon das Wort allein erfüllt mich mit Abſcheu; und läge dieſer Mann zu meinen Füßen, ſchön wie ein Engel, und böte er mir ein Königreich an, ich möchte ihm nicht angehören, und wäre ich im niedrigſten Stande der Dienſtbarkeit.“
Als ſie dieſe Worte ſprach, ließ ein junger Mann, welcher an dem andern Ende des Saales mit dem Rüken gegen die Geſellſchaft gewendet, auf einen Tiſch geſtüzt, ſaß, ein Buch fallen. Mariens Haltung verlor augenbliklich den Ausdruk ſtolzer Heftigkeit, und ihr folgte die Milde und Sanftmuth eines En— gels. Sie erhob ſich und näherte ſich ihm.—„Savigny!“ ſagte ſie mit leiſer Stimme,„warum ſizeſt du hier allein? warum nicht bei uns? billigſt du nicht, was ich geſagt habe?“ Bei dieſen, mit der ſanfteſten Unterwürfigkeit ausge— ſprochenen Worten, wandte ſich Mariens zukünftiger Gatte gegen ſie um, und es war an der Entſtellung ſeines ſanften und edlen Geſichtes ſichtbar, daß ihn etwas heftig bewegt hatte.—„Verzeih, meine Liebe, ich blätterte in deinem
Album und habe Eure Unterhaltung nicht mit angehört.“—„Das thut mir 1
leid; denn edel und rein, wie dein Herz iſt, hätteſt du gewiß den Geſinnun— gen, welche ich eben ausſprach, deinen Beifall gegeben.“—„Marie!“ ſagte Savigny mit bewegter Stimme,„betrachte dieſen Kopf, deſſen Ausdruk mich an meine arme Mutter erinnert, an ſie, deren Leben mit dem Beginne des mei— nigen erloſch.““
Marie hätte über die traurige Stimmung ihres Geliebten weinen können. Zärtlich drütte ſie ihm die Hand, verließ ihn, damit er ſich von ſeiner Aufre— gung ſammele, und kehrte zur Geſellſchaft zurük, welche ſich noch über denſel— ben Gegenſtand unterhielt.—„Nein“, ſagte Lascour,„ich lege keinen Werth auf Muth; und dennoch, hätte ich einen Sohn, der mir in dieſer Hinſicht gliche, ich würde ihm ſagen, nie eine Beleidigung ungerächt zu laſſen.“—„Und,“ erwiderte Frau v. Nerville,„hätte ich das Glük, einen Sohn zu beſizen, und empfinge er, wie Sie es nennen, eine Beleidigung, ich würde ihn auf meinen Knieen bitten, ſich nicht zu ſchlagen; ich bin keine Lacedemonierin; ich würde meinem Sohne nicht ſagen: Kehre als Sieger oder gar nicht zurük! nein, nein, ſein Leben allein wäre Alles, was mich bekümmerte.“—„Noch Eins,“ ſagte Frau Dorval,„ſcheinen Sie dabei überſehen zu haben— das Seelenheil Ih— res Sohnes. Was mich betrifft, ſo glaube ich gern, daß es mehr Muth erheiſcht, eine Herausforderung abzulehnen, als ſie anzunehmen, und daß ein guter Chriſt Gelegenheit finden kann, ſeinen Muth zu zeigen, ohne die ausdrük lichen Befehle ſeines Schöpfers zu verlezen.““
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