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wenn es ihm auch unter die Naſe kam, und daher hielt ihn Jeder für unge— ſchikt. Ich ſchämte mich, weil ein ſo tüchtiger junger Herr durch ein ſchönes Mädchen ſich ſo ſehr hatte vernarren laſſen, daß er ſich bei Allen zum Geläch⸗ ter machte, und ich faßte Muth und ſagte zu ihm:„Herr, haben Sie Sand in den Augen? oder haben Sie Liebesbrod gegeſſen? Sie ſprechen zu Niemand ein Wort, und wenn das Wild Ihnen ſo nahe kommt, wie die Krähen beim Regen, ſo treffen Sie es doch nicht!“—„Es iſt ſchlimm,“ ſagte er,„wir müſſen nach Hauſe fahren! Es iſt hier nicht geheuer!“ (Beſchluß folgt.)
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Das Dachſtübchen in der Straße Saint Honoré. (Beſchluß.)
„Ich bedauerte immer dieſen ausgezeichneten Mann,“ fuhr Madame Lam— bert fort,„der für mich zu früh verſtarb, obwohl die Welt lieblos ſagt, daß die jungen Fraueu mit Ungeduld dem Tode ihrer alten Gatten entgegenharren. Kaum erreichte ich das zwanzigſte Jahr, als ich ſchon Wittwe wurde. Einige Zeit hierauf wohnte Herr Lambert in meinem Hauſe. Es war ein ſchöner Mann von 35 Jahren und ſo gewiſſenhaft, daß er, obwohl Lieferant, ſich dennoch nicht bereicherte. Er machte mir den Hof und ich heirathete ihn. Obwohl ich weit ent fernt bin, mich über ihn zu beklagen, glaube ich doch, daß ich mit Herrn von Charmy viel glüklicher war. Der Alte machte keine Anſprüche und war nicht eiferſüchtig. Lambert hatte mehr Launen als eine hübſche Frau und war ein ſo ſchöner Mann, daß ich ſeine Treue immer in Verdacht hielt. Seit zehn Jahren bin ich abermals Wittwe und ich, die ich als Waiſe und verlaſſen das Dorf verließ, werde von einer Unzahl von Vettern und Muhmen umlagert, jezt da ich alt bin und ein ſchönes Vermögen meinen Erben zurük⸗ laſſen kann. Ich habe eine Kammerfrau, deren allzugroße Zuvorkommenheit mich verzweifeln, deren Aufmerkſamkeit den mindeſten Schaden mir wieder gut⸗ zu machen, mich ſchaudern macht;; kurz alle Freundſchaftsbezeugungen ſcheinen mir falſch, erheuchelt, von Eigennuß diktirt. Außer, daß wir nicht mehr im Jahre 89 ſind, iſt meine Lage ganz die, in welcher ſich Herr v. Charmy ehedem be⸗ fand. Alle Tage, Herr Laudier, rufe ich mir die kleinſten Umſtände meines Auf— enthalts in dem von Ihnen bewohnten Dachſtübchen zurük, von wo ich dann und wann herunterſtieg, um Hauseigenthümerin zu werden. Wie arm war ich da und allem Anſchein nach beſtimmt, nie reich und glüklich zu werden! Das war eine Wendung des Glüksrades, die ich im Traume mir nicht gedacht. Noch ein Gedanke verfolgt mich, dies iſt die fire Idee, daß mein Haus nach mir den glüklichen Bewohner des Dachſtübchens gehören ſoll, und da ich keine Erben be⸗ ſize, muß ich nach denſelben Vorbedingungen darüber verfügen, nach welchen ich es überkommen. Ich habe keine echte Verwandten; meine neugebakenen Kouſinen erſchreken mich.— Wollen Sie mich heirathen, Herr Laudier?——
Orei Monate nach dieſer Unterredung erhielt Eugen Laudier folgenden Brief: „Ich komme eben nach Paris, theurer Eugen, du kannſt dir daher nicht den Kummer malen, den ich empfinde, wenn ich bedenke, daß du meiner ſeit


