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drei Monathen benöthigteſt und ich dir nicht nüzlich ſein konnte. Die Urſache iſt die: Ich verließ Paris, um einige Zeit bei einem meiner Bekannten in der Umgegend von Rouen zuzubringen. Wir waren dort viele junge Leute und bil— deten eine Luſtparthie, um das Meer von Havre zu beſehen. Von Havre gingen wir nach Calais, von Calais nach Dover. Einmal den Fuß in den Staaten der Königin Viktoria geſezt, wollten wir London, dann Mancheſter und Birmingham ſehen, der Anblik der Themſe ließ uns an die Clyde denken, und dein Freund hat nun mit Edinburg und Glasgow Bekanntſchaft gemacht. Ich bin endlich zurüt⸗ gekehrt und meine Vörſe ſteht zu deiner Verfügung. Ich erwarte dich heute. Adolph Durac.“
Noch an demſelben Abend ſtellte ſich Laudier bei ſeinem Freunde ein. Er war in Trauer gekleidet und ſeine gewöhnlich heitere Geſtalt trug die Spu— ren eines noch friſchen Schmerzes. Eine leichte Furche hatte ſelbſt auf der Stirn des ſonſt ſo fröhlichen jungen Mannes eine Spur zurükgelaſſen.„Was iſt denn geſchehen, Eugen, wozu dieſe Trauer? Sollteſt du deinen Onkel verlo— ren haben, biſt du endlich Erbe?“—„Ach nein, mein Freund, ich bin zwar Erbe, allein mein Onkel lebt, doch ich verlor meine Frau.“—„Deine Frau! du verheirathet und Wittwer? Wie kommt das?“—„Weil ich ein Dachſtübchen in einem ſchönen Hauſe der Straße Saint Honoré bewohnte.“—„Was willſt du damit ſagen? ich verſtehe dich nicht.“—„Ja, es iſt ſo Gebrauch des Hauſes, wenn man dieſes Dachſtübchen bewohnt, zahlt man kein Miethgeld, man heira— thet die Hauswirthin und wird Beſizer des Hauſes. Hundert Jahre gehen dieſe Dinge in meinem Hauſe ſchon ſo fort.“—„In dein em Hauſe?““—„* mein Freund, in meinem Hauſe, in der Straße Saint Honoré; ich habe 30,000 Franks jährlich Renten!“— Bei dieſen Worten vergoß der junge Mann heiße Thränen.—„Wer weiß,“ ſagte er,„ob meine Mutter das, was ſie, für mich gethan hätte! Dieſe Heirath, Freund, war nur das Mittel, deſſen ſie ſich be— diente, um mich reich zu machen. Sie rief mich zu ſich, nahm mich bei der Hand, um mich glüklich zu machen; ich war ihr Sohn und kaum wurde ich reich, als ſie in meinen Armen den Geiſt aufgab, aus Furcht vielleicht, ihre Wohlthat mich durch irgend ein Opfer erkaufen zu laſſen.“—„Dein Kummer ehrt dich, Eugen,“ ſagte Qurac, Hund bezeugt deinen Herzensadel; aber wie wär's, wenn du den Gegenſtand deiner erſten Liebe verlöreſt, eine lang und inniggeliebte Frau, die jung und ſchön in den Honigmonaten ſtürbe? Madame Laudier war ſehr bejahrt, du mußteſt dich auf das, was kommen wird, gefaßt machen. Du heg⸗ teſt Freundſchaft, Erkenntlichkeit für deine Gemahlin, doch nicht Liebe.“— „Gott behüte, daß ich über meine eigenen Empfindungen mich täuſchen ſoll und willſt du, daß ich dir mein ganzes Herz öffne?— Ich bin jezt verliebt.“—„Du?“ —„Ja, verliebt in eine engelſchöne Wittwe, die in meinem Hauſe wohnt.“— „Wie geht das zu?“—„Dies bezieht ſich wieder auf das von mir bewohnte Dachſtübchen, es iſt ein glükliches und unglükliches Schikſal für deſſen Bewohner. Meine Frau heirathete, nach dem Tode ihres erſten Gemahls, Herrn Lambert, der über ihr wohnte und ich bin verliebt in eine junge Wittwe, die daſſelbe Zimmer bewohnt. Sobald die Schiklichkeit mir es erlauben wird, werde ich mich bei ihr vorſtellen und ich habe Grund zu hoffen....
„Mein Freund,“ ſagte Durae zu Laudier, Han wen haſt du das Dach— ſtübchen vermiet het?“—„Es iſt jezt leer.“—„Und dein Haus trägt?“—


