Jahrgang 
Band 1 (1840)
Seite
69
 
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Liebhaberin! rief Mad. Lobreau und die ganze Geſellſchaft mit Erſtaunen aus. Nun denn fuhr die Desfoix fortſo laſſen Sie's die Bohemienne ſein. Man erſtaunte eben ſo ſehr, aber Delle. Desfoix war unerſchütterlich. Nach Tiſche verlangte ſie, die Direktrize allein zu ſprechen.Madame, ſagte ſie,ich ſehe, man hat Sie hinſichtlich meiner Talente getäuſcht! Hier iſt Ihr Kontrakt zurük. Laſſen Sie mich nur die gewählte Rolle ſpielen und geben Sie mir dann ein kleines Reiſegeld damit bin ich zufrieden. Wer war froher als Mad. Lobreau. Sie nahm den Kontrakt zurük und ließ ſich die Mühe nicht verdrießen, überall in Lyon herumzufahren und zu bitten, man wolle das kleine Ungeheuer nicht beim Debut beſchimpfen.

Der Tag der Vorſtellung erſchien. Delle. Desfoix kam zur Repetition. In dieſer machte der Muſikdirektor einen Fehler, den ſonſt Niemand bemerkte; das kleine Ungeheuer aber ſagte:Mein Herr, wenn Sie dieſen Fehler bei der Vorſtellung machen, ſo werde ich's öffentlich ſagen. Der Muſik direktor ſtuzte. Nach der Repetition ging er zu Mad. Lobreau, die ihn fragte, wie es ge⸗ gangen ſei.Wahrhaftig, ſagte der Gefragte,ich habe nichts verſtanden; ſie murmelte etwas zwiſchen den Zähnen, das wie ein Verweis klang. Jezt kam die größte Schwierigkeit. Delle. Desfoix hatte keine Kleider außer denen, die ſie trug.Wie wird das werden? fragte Mad. Lobreau,in meiner Gar derobe ſind keine Kleider, die Ihnen paſſen!Laſſen Sie mich nur hinein, Madame, ich will mich ſchon arrangiren! Man willfahrte ihr; ſie nahm, was ihr gefiel, und erſchien nun, mit dem Tamburin in der Hand, auf der Bühne. Das kleine Ungeheuer war verſchwunden; die kleine, häßliche, ſchiefe Perſon war in ein ſchönes, junges, wohl gewachſenes Frauenzimmer verwandelt. Jedermann erſtaunte. Man dachte an Zauberei oder Betrug. Endlich überzeugte man ſich doch, daß es dieſelbe Perſon ſei, die man bei Mad. Lobreau geſehen hatte, und nun empfing ſie ein allgemeines, frohlokendes Händeklatſchen. Jezt fing ſie an, zu ſingen. Neues Entzüken! Sie fuhr fort der Jubel ſtieg man erhob das kleine Ungeheuer bis in den Himmel. Nach geendigter Vorſtel lung umarmte Mad. Lobreau die Zauberin und wollte ihr den Kontrakt wieder zuſtellen.Nein, Madame, ſagte ſie,nun nicht mehr; ich hätte Ihnen für 2000 Livres gedient, jezt aber nicht unter 10,000 Franken. Mad. Lobreau bewilligte ihr Alles; ſie war froh, daß das kleine Ungeheuer blieb. Am folgen⸗ den Tage war Delle. Desfoir wieder bei ihr zu Tiſche. Die abgehende ſtol ze Schauſpielerin war auch wieder da.Demoiſelle, ſagte Delle. Des foix zu ihr,ich höre, Sie wollen fort. Bleiben Sie noch ein halbes Jahr; laſſen Sie ſich von mir unterrichten und ſeien Sie dann froh, wenn man Sie nicht aus⸗ pfeift. Lernen Sie von mir, daß man nicht nach dem Schein urtheile, und daß Kunſt und unermüdeter Fleiß Wunder thun.

Einige Jahre darauf berief die Kaiſerin Katharine die Künſtlerin nach Petersburg mit einem Gehalte von 22,000 Livres.

Zweiſylbige Charade.

Erſte Sylbe.

Vor alter grauer Zeit bin ich ſchon dageweſen, Das kannſt du wahrlich im heil'gen Buche leſen.