Jahrgang 
Band 1 (1840)
Seite
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Ein Lion in Paris.

Lion(Löwe) nennt man jezt in der Modeſprache einen Stuzer erſten Ran ges. Ein ſolcher iſt der Graf Dorſay, der ſo eben aus London in Paris ange kommen iſt. Ihr fragt: wer iſt dieſer Graf Dorſay, der die ganze ſchöne Welt der großen Stadt in Bewegung ſezt?... Der Graf Dorſay iſt ein franzöſi ſcher Edelmann, der in London eine reiche engliſche Erbin heirathete. Dieſer ſchöne, brillante Graf Dorſay ſteht an der Spize der Jugend Britanniens, ge bietet, herrſcht da nach Gutdünken, unumſchränkt und, Troz ſeiner franzöſiſchen Herkunft, iſt er der König, der Tyrann, der Lion der engliſchen Mode. Der Graf Dorſay regiert und herrſcht in London wie ein abſoluter Monarch; er iſt der Heros der Jockeys-Klubs, der Steeple-Jagd, der Eber-Jagden, der Tauben ſchießen, und aller andern bewunderungswürdigen Beſchäftigungen der reichen und müßigen Leute. Alle jungen Lords und faſhionablen Gentlemen handeln nur nach ſeinem allmächtigen Willen; er iſt mehr König, als die Königin ſelbſt, und London unternimmt nichts, ohne ihn zu befragen. London daguerrotypirt ſich an ihm, es kleidet ſich wie er, es ſteht auf wie er, es legt ſich zu Bette wie er, es handelt wie er. Dieſem jungen Manne mußten täglich zwanzig Jahre zu Gebote geſtanden haben, um ſich ſolche außerordentliche Allmacht zu erkämpfen. Man erzählt von ihm mehrere der ſeltſamſten Züge. Seit zwei Jahren prome nirt der Graf Dorſay täglich zu Pferde durch die Picadilly-Straßen, welche das Quartier der haute société Londons ſind; täglich zündete er im Vorbeirei ten eine Cigarre bei einem Weinhändler an und jedes Mal ſchenkte er dem Kellner, der ihm das Feuer langte, eine Guinee(10 fl. C. M.). Das iſt ein theures Rauchen! Einſt begegnete er in einer Straße einem armen Manne, der ſehr leidend ſchiea. Er näherte ſich ihm, befragte ihn und erfuhr, daß er ein Schneider ſei.Mache mir ein Pantalon, ſagte er zu ihm und entfernte ſich. Der Schneider brachte ihm ein ſehr plump gearbeitetes und ſchlecht genä hetes Pantalon. Dorſay trug es durch zwei Tage. Kurz darauf beſtellten ſich alle Dandys von London ähnliche Pantalons bei demſelben Schneider, und in einem Monat war deſſen Glük gemacht.

Es läßt ſich nach dem Geſagten leicht denken, welche Senſation ſeine Ge genwart in Paris erregen muß, in dieſer Welt derTiger lebenfalls ein neuer Kunſtausdruk für Stuzer) und franzöſiſchen Dandys, in dieſer großen Mode hauptſtadt, die ſtolz auf die Siege iſt, die ihr glorreicher Landsmann im Aus- lande erfochten. R.

Ein Streit um Leichen.

In Paris liefern die abenteuerlichſten und troſtloſeſten Gewerbe Menſchen ihr tägliches Brod; ſo gibt es eines, das ſeiner Natur nach etwas ſehr Abſchre kendes in ſich trägt das Gewerbe der Leichenbeſtatter en gros, die ſich mit allen Sorgen befaſſen, einen Verſtorbenen von ſeinem Todenbette in den kühlen Schooß der Erde zu befördern, und ihm, je nach ſeinen Verdienſten, oder viel mehr nach der Erbſchaft, die er hinterlaſſen, ein marmornes Denkmal oder ein

hölzernes Kreuz zu errichten. Ein Gewerbe der Art ſollte mit einer gewiſſen,