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Eine geringere Summe annehmen, als man gefordert hat, heißt ſich ſellſt her— unterſezen.“—„Das nenne ich edel gedacht,“ ſagte der Kaiſer,„und ich hoffe, daß es zwiſchen uns nicht zu ſo kleinlichen Debatten kommen ſoll.““—„Nun, ſo ſehet, ſtudirt und bewundert denn; ich will indeſſen meine Arbeit fortſezen; der Krieg läßt uns armen Künſtlern überdies nur wenig Zeit.“—„Sie fürch— ten alſo den Krieg?“—„Ich fürchte nichts, aber der Krieg iſt eine Geißel für die ganze Welt, und wer an dieſem grauſamen Spiel Gefallen findet, der iſt ein Feind des Menſchengeſchlechts.“
Duroc zog die Schultern, Laſalle bis ſich in die Lippen, der Ungar ſchlug die Augen nieder und Napoleon lächelte.
„Was fordern Sie für dieſe ſchöne Figur?“ ſagte er zu Bertholozzi.— „Fünfhundert Zechinen.“—„Das iſt in der That ſchön, das duldet, das ſtirbt; der Marmor hat Leben, aber er athmet kaum noch, er ringt mit dem To— de!“—„Ich danke.“—„Doch finde ich.....“—„Was finden Sie? Doch nicht einen Fehler?“ ſagte Bertholozzi, indem er aufſprang wie ein wüthender Wolf.„Heraus mit der Sprache! was finden Sie daran auszuſezen? Iſt es ein anatomiſcher Fehler, oder ein falſcher Ausdruk?““—„Das nicht, aber ein Ver ſtoß gegen die Geſchichte.“—„Ei, ſo laſſen Sie doch hören.“—„Dieſer Chri— ſtus iſt, wie ich ſchon geſagt habe, bewundernswürdig: aber warum haben Sie ihn bartlos gemacht? Die Geſchichte und die Tradition geben dem Heilande immer einen getheilten Bart, wie ihn die Juden tragen.“—„Wenn's weiter nichts iſt, ſo bin ich beruhigt, mein Bild hat keinen Fehler,“ erwiderte Ber— tholozzi.—„Doch.“—„Wer hat Ihnen denn geſagt, daß es ein Chriſtus— bild ſein ſollte??“—„Es liegt ja am Kreuze, und überdies die vier Buchſta— ben J. N. R. J. über ſeinem Haupte, das iſt ja deutlich genug.“—„Und doch irren Sie ſich.“—„Nun, ſo erklären Sie mir das; denn troz meiner Ausſtel⸗ lung werde ich das Bild kaufen.“—„Mein Bild iſt das Werk einer gerechten Rache: es ſtellt Napoleon vor.“—„Und den kreuzigen Sie!“ rief Duroec zor— nig aus.—„Ja, das thue ich.“—„Er hat Recht,“ fuhr der Kaiſer fort, in— dem er dem General zuwinkte, ſich ruhig zu verhalten.„Genau beſehen zeigt ſich eine große Aehnlichkeit; nur meine vorgefaßte Meinung... Aber Sie müſ— ſen die vier Buchſtaben wegnehmen, Signor Vertholozzi, denn dieſe können Leute irre führen, die ſchäfer ſehen, als ich.“—„Das werde ich bleiben laſſen. Sie haben folgende Bedeutung: Imperator Napoleon Rex Italiae.“—„Unverſchäm— ter!“ rief Duroc nun aus, und drohte ihm mit geballter Fauſt.—„Elender!“ erwiderte Bertholozzi, indem er ſeinen Schlägel ſchwang.—„Der Kaiſer iſt zugegen!“— ſagte Laſalle, und trat zwiſchen die beiden Kampfhähne.
„Der Kaiſer?“ ſtotterte der Künſtler, und ließ ſeinen Arm fallen.„Der Kaiſer!“ und ſeine Stirn ſenkte ſich vor dem. Adlerblike des Herrn der Welt.
„Sire,“ ſagte Vertholozzi dann zerknirſchten Herzens,„machen Sie es, wie Jeſus es gemacht hat, als er die Handelsleute aus dem Tempel trieb.“
„Ich will es lieber machen, wie Jeſus es am Kreuze gemacht hat, und meinen Feinden verzeihen. Aber fortan keine gekreuzigte Napoleons mehr!“
„Ein anderesmal, Sire, werde ich ihn darſtellen, wie er dem Künſtler und den Unglüklichen eine helfende Hand reicht.... Ich werde mich künftig an die Geſchichte halten.“
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