26 . ſein Haß gegen Napoleon ſo groß, daß er oft auf offener Straße die graͤulich⸗ ſten Verwünſchungen gegen ihn ausſtieß.
„Wenn ich Ihnen dergleichen ſage,“ ſezte der Ungar hinzu,„ſo geſchieht es, weil ich weiß, daß Ew. Maj. willig Worte verzeihen, die im Zorn ausge⸗ ſtoßen worden ſind, und nebenbei, weil ich die Hoffnung hege, Ihre Neugier hinlänglich gereizt zu haben, um dieſer Künſtleraufwallung ein Ende zu ma⸗ chen.“—„Kennt mich der Mann?“—„Ich glaube nicht, Sire wie könnte er ſonſt gegen Ew. Maj. den Haß hegen, den er überall laut werden A „Sie ſind ein Hofmann.“—„Ja, Sire, für das Genie und für das Unglük.““ —„Bert holozzi iſt alſo unglüklich?““—„Wie ſollte er das nicht? Italiener von Geburt, hatte er ſich nach manchen Schikſalsſchlaͤgen hier niedergelaſſen, und ſein Ruf iſt nach der Ausſtellung eines ſeiner bewundernswürdigen Chriſtusbil—⸗ der, ſo leidend an dem Kreuze, auf welches es genagelt iſt, noch größer gewor— 8„Macht er nichts anderes, als Chriſtus bilder?“—„Nein, Sire.“— „Dann iſt er blos Maſchine!“—„Ach nein, er weiß Abſtufungen in die Schmer⸗ zen, in die Fortſchritte des Todes zu bringen, er iſt ein Gott und ein Menſch, den er auf dem Kalvarienberge ſterben läßt. Man ſieht es an dem Werk des Meißels dieſes Meiſters, wie lange der Todeskampf noch währen muß, und Nie— mand kann ohne tiefes Ergriffenſein die Meiſterwerke einer Feuerſeele betrach⸗ ten, in welcher zugleich die Hölle und der Himmel hauſen.“—„Wollen Sie mich zu Bertholozzi begleiten?“—„Er wird Sie nicht annehmen, Sire.“— „Dann belagern wir ſein Atelier.!“—„So wird er ſich ſchon ergeben müſſen. Werden Ew. Majeſtät ſich zu erkennen geben?“—„Nach Umſtänden. Sie wer— den einſehen, daß ich ihn zuvörderſt inkognito zu ſehen wünſche. Ein Mann in Zorn, mit Meißel und Schlägel bewaffnet, iſt ſchon zu fürchten; und überdies iſt er ein Italiener. Morgen wollen wir den Unſinnigen aufſuchen, dem mich zu nähern ich nicht unrecht zu thun glaube.“—„Alſo, auf morgen!“
Es war den andern Tag kaum hell geworden, als der Kaiſer Duroc, La⸗ ſalle und den ungariſchen Offizier zu ſich rufen ließ, um ihn in bürgerlicher Tracht und zu Fuß zu Bertholozzi zu begleiten. Sie fanden die Thür verſchloſ— ſen und erhielten auf ein erſtes und ein zweites ſtärkeres Anpochen keine Antwort.—„Das habe ich wohl gedacht,“ ſagte der Ungar leiſe.—„Ei,“ bemerkte Duroc, indem er Miene machte die Thür einzutreten,„ſo muß man das Wild in ſeinem Lager aufjagen. Man gehe mir ein wenig aus dem Wege; ich will den Sappeur machen.“—„Nicht zu hizig, nicht zu hizig!“ begann der Kaiſer nun,„die Künſte wollen manierlich behandelt ſein, ohne Gewalt. Herr Bertholozzi wird ſich ſchon eines andern beſinnen; wir wollen noch einmal anklopfen.“
Als alle vier angepocht hatten, da wurde Bertholozzi der Sache endlich überdrüſſig und er erſchien in einem leinenen Kittel, der einmal weiß geweſen war, mit einem Meißel in der einen und mit einem Schlägel in der andern Hand, das Haar in Unordnung, den Bart ungeſchoren, mit wildem Blik und fragte rauh, was man von ihm wolle.—„Wir kommen,“ antwortete der Kaiſer, indem er den Hut in die Hand nahm,„Ihre Meiſterwerke zu beſehen, und, wenn wir Handels eins werden, ſie zu ft„Ich habe keine zwei Stüke vorräthig, mein Herr, und es heißt bei mir: gekauft oder nicht gekauft. Ein Künſtler, der mit ſich handeln läßt, iſt ſich ſeiner Würde nicht bewußt.


