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den ſchaarenweiſe von der neugierigen Menge beſucht.— Dem, als Dichter und Schauſpieler am Wiednertheater angeſtellten Karl Hafner mißlang ſeine Probearbeit gänzlich. Seine Poſſe hieß: „Barbier und Seiler, oder die Stek⸗ briefe.“— Allgemeine Senſatlon er⸗ regte hier die berühmte Klavierſpie⸗ lerin Demoiſelle Wieck, ihre Bra— vour, ihre Kunſtfertigkeit ſezt Al⸗ les in Erſtaunen. Mit Recht verdient ſie den Namen:„der weibliche Thalberg.“— Ein ſpaßiges Aben⸗ teuer bot eine der jüngſten Probefahr— ten auf der Nordbahn. Der Dampf⸗ wagen, welcher eine zahlreiche Geſell⸗ ſchaft von Florisdorf nach Wagram ge— führt, blieb auf der Rükfahrt, nach einem Laufe von drei Minuten, plözlich ſtehen und war nicht von der Stelle zu bringen. Da nun kein ſonſtiges Fuhrwerk weder mit Pferde- noch mit Dampfeskraft in Wagram zu finden war, ſo blieb den armen Eiſenbahn— Paſſagiers nichts anderes übrig, als mit ihren ſchweren Pelzen und Mänteln den 2) Stunden weiten Weg von Wagram bis am„Spiz“ zu Fuße zurükzule⸗ gen. Keuchend u. vom Schweiße triefend dort angelangt, ſchäzten ſie ſich glüklich, zwei Zeiſeliers mit dürren Kleppern zu gewinnen, welche die todesmüden Aventuriers von der verunglükten Ei⸗ ſenbahnerkurſion, auf den raſſelnden, nervenerſchütterndenZeiſelwagen, in die Ningmauern unſerer Stadt zurük⸗ brachten.
Genf. Der unermüdliche Gegner der Todesſtrafe, Graf Sellon in Genf, veröffentlicht einen merkwürdigen Fall, der wenigſtens mittelbar gegen die To— desſtrafe gelten kann. Vor ſechs Jah— ren ward im Bezirke Gimel(Waadt) ein Mann von Aubonne durch einen auf ihn gerichteten Schuß ſo verwun⸗ det, daß er ein Jahr zur Heilung brauch⸗ te. Der Verdacht fiel auf einen ſeiger
Nachbarn, Verſeth, einen Jüngling von 20 Jahren, und da dieſer, wenn gleich nicht geſtand, doch auch nicht leugnete, ſo verurtheilte ihn das Ge— richt nach moraliſcher Ueberzeugung zu achtzehnmonatlicher Zuchthaus ſtrafe. Er erſtand dieſelbe zu Lauſanne, und er⸗ regte durch ſein edles Benehmen wäh⸗ rend der ganzen Zeit in hohem Gra— de die Theilnahme des Geiſtlichen, der oft mit ihm zuſammen kam. Vor Kurzem ſtarb der Vater Berſeths, auf dem Todtbette bekannte er ſich als den Thäter; ſein Sohn hatte ihn ver— treten, um ihn der öffentlichen Brand— markung zu entziehen. Der treue Sohn wird die bürgerliche Ehre wieder er—⸗ halten.
Berlin. Das„Berliner Intel⸗ ligenzblatt“ enthielt vor einiger Zeit eine Todesanzeige, in welcher es hieß: „Mein geliebter Sohn iſt verſchieden! — Sanft ruhe ſeine Aſche, die zu gro⸗ ßen Hoffnungen berechtigte.“
Verlin. Ein junger Verliner Taugenichts hatte eine alte, ſehr rei che Wittwe geheirathet, und genoß auf ihre Koſten des Lebens im vollen Ma⸗ ße. Mehr noch als die Nichtachtung, mit welcher ihr Mann ſie behandelte, beunruhigte die alte Dame der Gedan⸗ ke, er möchte ſich ihrer zu entledigen ſuchen. Eines Tages, als ſie dieſen Träumen mehr als gewöhnlich nach— hing, und ſich nach einer Speiſe et⸗ was unwohl befand, rief ſie aus:„Ich bin vergiftet, ich bin vergiftet!“— „Vergiftet!“ fragte ihr leichtſinniger Gatte erſtaunt,„wer jlobſt du, der det jeweſen ſein könnte?“—„Du!“ rief die Alte mit zerſtörten Zügen, „Du! Kein Anderer!“—„Was? ich?“ fuhr der Gemahl entſezt auf. „Ich ein Mörder! Sogleich jehe ich zum Doktor. Du mußt ogenbliklich
jeöffnet werden.“


