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ben, ſo edelmüthig die Schuld(wenn es eine Schuld iſt) auf ſich nimmt, zu der ich für meine Perſon mich bekennen muß. Ich liebe Eure Tochter, und ich kam hierher, um ſie zu ſehen.“
Der alte Lobbs riß ſeine Augen entſezlich weit auf, allein dennoch nicht weiter, als Nathaniel Pipkin die ſeinigen.
„Das thateſt du?“ ſchrie Lobbs, ſobald er wieder zu Athem kam.
„Ja, das that ich.“
„Und hab' ich dir nicht ſchon vor langer Zeit mein Haus verboten.“
„Allerdings; denn ſonſt würde ich nicht heimlich zu nächtlicher Zelt ge— kommen ſein.“
Es thut mir um Lobbs willen leid, ſagen zu müſſen, daß ich glaube, er würde den Vetter geſchlagen haben, hätte ſich ſeine hübſche Tochter mit den glänzenden, in Thränen ſchwimmenden Augen ihm nicht an den ſchon em— por gehobenen Arm gehangen.
„Wehre ihm nicht, Marie,“ ſagte der junge Mann,—„will er mich ſchlagen, ſo laß ihn. Ich würde um alles Gold der Welt kein Haar ſeines grauen Hauptes beſchädigen.““
Der Alte ſchlug bei dieſem verſtekten Vorwurfe die Augen nieder und ſie begegneten den Augen ſeiner Tochter. Ich habe bereits ein oder zwei Mal geſagt, daß dieſe Augen glänzend waren, und obgleich ſie jezt voll Thränen ſtanden, ſo wurde ihre Macht doch keinewegs dadurch verringert. Der alte Lobbs wendete das Geſicht ab, als wenn er es hätte vermeiden wollen, von ihnen überredet zu werden, und der Zufall wollte es, daß ſeine Blike den Bliken der gottloſen kleinen Muhme begegneten, die, halb für ihren Bruder zitternd, halb über Nathaniel Pipkin lachend, ſo liebreizend und zugleich ſo erzſchelmiſch ausſah, daß Jung wie Alt ſich über ſie hätte freuen müſſen. Sie ſtekte ſchmeichelnd ihren Arm unter den Arm des alten Mannes und flü— ſterte ihm etwas ins Ohr; und mochte er es anſtellen, wie er wollte, er konnte ſich eines Lächelns und zugleich einer Thräne, die ihm über die Wange hinabrollte, nicht erwehren.
Nach fünf Minuten ſchlichen auch die Mädchen aus dem Schlafzimmer Mariens unter großem Verſchämtthun und Kichern wieder herein; und wäh— rend das junge Volk immer vergnügter und ausgelaſſener wurde, nahm der alte Lobbs die Pfeife aus dem Schranke und zündete ſie an; und es war ein bemerkenswerther Umſtand, daß gerade die Pfeife Tabak, die er jezt rauchte, die beruhigendſte und angenehmſte war, die er in ſeinem ganzen Leben ge— raucht hatte.
Nathaniel Pipk in hielt es für den beſten Rath, ſein Gehelmniß für ſich zu behalten, und gelangte dadurch zu hoher Gunſt bei dem alten Lobbs, der ihm mit der Zeit das Rauchen lehrte; und ſo ſaßen ſie noch manches Jahr an ſchönen Abenden draußen im Garten, und rauchten und tranken mit großer Würde und Wohlbehagen. Nathaniel beſiegte den Schmerz über ſeine unglük— liche Liebe ſehr bald, denn wir finden im Kirchbuche ſeinen Namen unter de— nen der Zeugen bei Marie Lobbs Trauung mit ihrem Vetter; auch geht aus andern Dokumenten hervor, daß er in der Hochzeitsnacht inkarcerirt wurde,


