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terlande ſteht, endlich wieder elne Lek⸗ türe erhalten, die wir getroſt unſern Töchtern in die Hände geben können, ohne zu beſorgen, daß Verſtand, Herz und Schiklichkeits- Gefühl irgend der Gefahr eines Anſtoßes ausgeſezt wären. Die Verfaſſerin hielt ſich eben ſo weit von der frivolen, ſittengefährdenden Richtung, die die neueſte franzöſiſche Romanen- Literatur, namentlich die Werke eines Valzac, eines Paul de Kock, einer Sand u. ſ. w. eingeſchla⸗ gen, entfernt, als ſie ſich hütete, in die ſchauerliche, düſtere, unklare Weiſe der meiſten neuen deutſchen Novelliſten zu verfallen. Es iſt unverkennbar, daß ſie engliſche Muſter vorzog, und ſie that wohl daran, denn die Engländer haben ſich, wie einſt Sterne, Fielding, Goldſmith, Smollet 55. auch in der neueſten Zeit entſchieden als Meiſter in der Erzählung bewieſen. Frau von Remekhazy hat vor Allem einen leich⸗ ten, gefälligen, anſtändigen Styl, der nie durch Ueberladungen und Schwül⸗ ſtigkeit unleidlich wird. Sie erzählt in einem freundlichen, wir möchten ſa— gen traulichen und nichtsdeſtoweniger auch oft mit gutem Wize und friſchen Humor durchwebten Tone u. feſſelt ſo das Gemüth und die Phantaſie des Le⸗ ſers. Wir begegnen hier immer einem natürlichen Verſtande, geſunden Refle⸗ rionen und zart ausgedrükten Anſchau— ungen. Die Begebenheiten, von denen die meiſten dieſer Novellen handeln, ſind zwar nicht alle welthiſtoriſch wichtig, doch haben diejenigen, die keine geſchicht— liche Vaſis haben, doch einen höchſt an⸗ ziehenden, ſich dem Reellen und der Wirklichkeit nähernden Stoff. Die Schilderungen ſind meiſt voll Leben und origineller Färbung. Die Charak- tere haben ſichere und mit Leichtig⸗ keit entworfene Umriſſe u. die Verfaſ⸗⸗ ſerin beurkundet hierin eine beharrliche Konſequenz. Die Novellen:„Die In⸗
konſequenten“ u.„Zu ſpaͤt“ zoge nuns durch die fortwährende Spannung, in welcher der Leſer gehalten wird, vor⸗ züglich an. Sehr intereſſant ſind auch die Erzählungen„Gabriele von Sa⸗ voiſy“ und„Rienzi“, leztern Stoff haben wir ſobald nicht ſo anziehend durchgeführt geſehen. Die übrigen Novellen, die mehr oder weniger die Theilnahme in Anſpruch nehmen, wel⸗ che aber ſich durchgehends angenehm leſen laſſen, ſind:„Der Welt Lauf“, „Getrennt und vereint“,„Alboin“, und die perſiſche Erzählung„Behadir“, in welcher der orientaliſche Ton ſo eklatant getroffen wurde. Außerdem enthält der zweite Band einige recht ſinnige und zart empfundene Gedichte, die ſich auch durch leichte Verſifikation und meiſt durch eine frappante Pointe auszeichnen. Die Vall ade:„Der Mau⸗ re und die Dame“ iſt beſonders gut gehalten und ergreifend.— In dem⸗ ſelben Bande kommen auch kurze pro— ſaiſche Aufſäze, betitelt:„Gedanken u. Bilder“ vor, die ſich durch klare Welt⸗ anſchauung und Idee nfülle auszeichnen. Wir können nicht umhin, einige der kürzern hier als Probe anzuführen:
„Zu ſpät entſagen zeugt von Starr⸗ ſinn; zu früh entſagen von Schwäche; Wenige thun es zu rechter Beit
„Nur der Hoffnungsloſe endet frei⸗ willig ſein Leben; denn die leiſeſte Hoffnung bindet uns an daſſelbe. Selbſt im Sterben hoffen wir noch,— ein neues, ſchöneres Sein, oder tiefen, ruhigen Schlaf.“ a
„Wir können Andere nicht zwingen, wohlwollend für uns zu fühlen; aber wir können ſie nöthigen, groß von uns zu denken.“
„Stolz iſt der Stab edler Seelen; Hochmuth die Krüke der Dummheit.“
„Wie ein Gewitter das Firmament, ſo läutert das Unglük ſchöne Seelen und ſchärft ihre Empfindungen.“
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