Jahrgang 
Band 2 (1837)
Seite
811
 
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Lobbs lhre Augen von dem Buche emporhob und nach ihm herüberblikte. End⸗ lich eines Tages, da er wußte, daß der alte Lobbs nicht zu Hauſe war, hatte Nathaniel Pipkin die Verwegenheit, Marie Lobbs eine Kußhand hinüber zu werfen; und Marie Lobbs, ſtatt das Fenſter zu verſchließen und die Vorhänge herunter zu laſſen, warf eine Kußhand zurük und lächelte. Und nunmehr be⸗ ſchloß Nathaniel Pipkin, möchte daraus folgen, was wollte, ſeine Gefühle ohne weitern Aufſchub friſch vom Herzen weg auszusprechen.

Ein fröhlicheres Gemüth, ein lieblicheres Geſicht, eine ſchlankere Geſtalt und ein zierlicherer Fuß ſchwebten nie über die Erde hin, deren Zierde ſie waren, als die Marie Lobbs, der Tochter des alten Sattlers. In ihren fun kelnden Augen lag ein ſchelmiſches Blinzeln, das ſeines Eindruks bei weit minder empfänglichen Gemüthern, als das Nathaniel Pipkins war, nicht ver⸗ fehlt haben würde, und der trübſeligſte Menſchenhaſſer hätte lächeln müſſen beim Schall ihres fröhlichen Gelächters. Sogar der alte Lobbs ſelbſt, und wenn er am allerwüthigſten war, konnte dem Schmeicheln ſeines hübſchen Töch terchens nicht widerſtehen; und wenn ſie es im Verein mit Käthe, ihrer Muh⸗ me einer ſchelmiſchen, ſchnippiſchen, bezaubernden kleinen Perſon ernſt lich auf den Alten abgeſehen hatte, was, um die Wahrheit zu fagen, nicht eben ſelten vorkam, ſo vermochte ser den Mädchen nichts abzuſchlagen, und wenn ſie einen Theil ſeines unermeßlichen Vermögens verlangt hätten, das in der

eiſernen Truhe verborgen lag. f

Heftig ſchlug Nathaniel Pipkins Herz, als er an einem herrlichen Som- merabend die ſchnippiſche Käthe und die liebreizende Marie auf demſelben An ger wandeln ſah, auf welchem er ſelbſt, von Marie Lobbs Schönheit träumend, bis zum Dunkelwerden zu luſtwandeln pflegte. Aber ſo oft er in ſolchen Stun den auch gedacht hatte, wie raſch und kek er zu ihr herantreten und ihr ſeine Gluth geſtehen und beſchreiben wollte, wenn ſich nur die Gelegenheit dazu fände, ſtieg ihm doch jezt, da er ſie unerwartet vor ſich ſchaute, alles Blut in das Geſicht offenbar zum großen Nachtheil ſeiner Beine, die, gar zu ſehr entleert, unter ihm zu zittern anfingen.

Standen die Mädchen ſtill, um eine Blume zu pflüken oder dem Ge ſang eines Vogels zu horchen, ſo ſtand auch Nathaniel Pipkin ſtill und that, als wenn er tief in Gedanken wäre, was im Grunde auch wirklich der Fall war; denn er dachte in einem fort, was er in aller Welt wohl anfangen ſollte, wenn ſie zurükkehrten, was ſie unfehlbar binnen Kurzem thun mußten, und Angeſicht zu Angeſicht vor ihm ſtänden. Obgleich er es aber nicht wagte, ſie einzuholen, konnte er es doch nicht über ſich gewinnen, ſie aus den Augen zu verlieren. Gingen ſie daher ſchneller, ſo ging er auch ſchneller, ſchlender ten ſie, ſo ſchlenderte er auch, und ſtanden ſie ſtill, ſo ſtand er gleichfalls ſtill. So würde es immer fortgegangen ſein bis zum Dunkelwerden, hätte Käthe nicht verſtohlen zurükgeſchaut und Nathaniel ermuthigend gewinkt.

In Käthens Weſen lag etwas ganz Unwiderſtehliches; Nathaniel Pipkin folgte daher der Einladung, und nach vielem Erröthen von ſeiner und unmäßigem Gelächter von der gottloſen Muhme Seite, ließ ſich Nathaniel Pipkin auf die Knie in das bethaute Gras nieder und ſchwor darauf, daß er nie wieder auf ſtehen würde, wenn Marie Lobbs ihn nicht als ihren erklärten Liebhaber auf⸗ ſtehen hieße. N