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nie ſo hell geſtrahlt und ihre Wangen nke ſo roſig ausgeſehen, als gerade in dieſem Moment. Es war alſo kein Wunder, daß Nathantel Pipkin ſeine Blike von Miß Lobbs ſchier unmöglich abwenden konnte; kein Wunder, daß Miß Lobbs, als ſie ſich von einem jungen Mann angeſtarrt ſah, das Fenſter zu— warf, aus welchem ſie herausgeſchaut hatte, und die Vorhänge niederzog; kein Wunder, daß Nathaniel Pipkin ſich unmittelbar darauf über den kleinen Schlingel hermachte, der vorhin geſündigt, und ihn nach Herzensluſt abbläuete. Dieſes Alles war ſehr natürlich und gibt zur Verwunderung nicht die gering— ſte Veranlaſſung.
Das aber war wirklich zum Verwundern, daß ein Mann von Nathankel Pipkins Eingezogenheit, Schüchternheit und kärglichem Einkommen vom ſelbi— gen Tage an kühnlich daran dachte, die Hand und das Herz der einzigen Toch— ter des hizköpfigen alten Lobbs zu gewinnen.— Lobbs, des reichen Sattlers, der mit einem einzigen Federſtrich den ganzen Ort hätte auskaufen können, ohne die Ausgabe zu empfinden— des alten Lobbs, der dafür bekannt war, Tauſen⸗ de, angelegt in der Bank der nächſten Stadt, zu beſizen— von dem das Gerücht ging, daß er einen unermeßlichen Schaz in der kleinen eiſernen Truhe mit dem gro⸗ ßen Schlüſſelloch auf dem Kaminſims im hintern Zimmer aufbewahre— und von dem man ſehr wohl wußte, daß er bei feſtlichen Gelegenheiten ſeinen Tiſch mit einem Theetopfe, Milchgießer und Zukerkorbe von echtem Silber ſchmükte, Koſtbarkeiten, von welchen er im Stolz ſeines Herzens zu ſagen pflegte, daß ſie ſeiner Tochter Erb- und Eigenthum werden ſollten, ſobald ſie einen Mann nach ihrem Sinne gefunden hätte. Wahrlich, man hätte ſich nicht genug dar— über verwundern können, daß Nathaniel Pipkin ſo grenzenlos thöricht war, ſeine Blike auf Marie Lobbs zu werfen. Doch die Liebe iſt blind, und Na⸗ thaniel hatte ja obendrein einen Fehler an ſeinen Augen! und vielleicht wa⸗ ren es dieſe beiden Umſtände im Verein, die ihn hinderten, die Sache in ih⸗ rem wahrhaften Lichte zu ſehen.
Hätte der alte Lobbs auch nur von ſerne den Zuſtand der Gefühle und Wünſche Nathaniel Vipkins geahnt, ſo würde er das Schulhaus auf den Grund niedergeriſſen, oder alle Pipkins von der Erde vertilgt, oder ſonſt etwas Schrekliches der Art gethan haben; denn der alte Lobbs war ein fürchterlicher Gaſt, wenn ſein Stolz beleidigt oder ſein Blut erhizt war. Zürnte er, was bisweilen der Fall wegen der Faulheit des knöchrigen Lehrlings mit den dün— nen Beinen, dann ſchallten ſo entſezliche Flüche ohne Zahl über die Straße her— über, daß Nathaniel Pipkin vor Beſtürzung und Angſt in den Schuhen er— bebte und ſeinen Schülern die Haare zu Berge ſtanden.
Troz dem Allen aber ſezte ſich Nathaniel Pipkin Tag für Tag, wenn die Schulſtunden vorüber und die Schulknaben entlaſſen waren, an das Fenſter und warf, indem er that, als ob er in einem Buche leſe, ſehnſüchtige, Ma⸗ rie Lobbs glänzende Augen ſuchende Blike über die Straße hinüber; und er hatte es noch nicht lange gethan, als die glänzenden Augen am Fenſter ge— genüber ſich zeigten, und gleichfalls anſcheinend in ein Buch vertieft waren. Das war labend und herzerfreuend für Nathaniel Pipkin. War es ſchon eine Seligkeit, Stunden lang da zu ſizen und nach dem hübſchen Geſicht hinüber za lugen, wenn die glänzenden Augen auch ntedergeſenkt waren: ſo hatte Ra⸗ thaniel Pipkins Dewunderung und Entzüken keine Grenzen mehr, wenn Marie


