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geht jezt beſtaͤndig, beſonders bel Nacht bei dem Findelhauſe auf und ab, da⸗ mit man nicht vor demſelben Kinder ausſeze. Die Folge davon iſt, daß man theils in den benachbarten Gaſſen die armen Findlinge ausſezt, die häufig umkommen, ehe man ſich ihrer erbarmt, theils, daß unglükliche Mütter ſich ſcheuen dieſen Zufluchtsort zu ſuchen (zumal, da ſie nach der neuen Verord— nung verpflichtet ſind, eine Zeit lang im Findelhauſe zu ſäugen), und doch geſchieht es nicht ſelten, daß man hin⸗ ter dem Rüken des Agenten ein Kind niederſezt u. ſich ſchnell entfernt. Dieſe neue Verordnung ſoll den Findelhäu⸗ ſern in Deutſchland abgeborgt ſein.
Berlin.„Was heißt doch„can delabre 2“ fragte eine junge Berline— rin einen Herrn.„Leuchter!“ ent⸗ gegnet ihr dieſer. Als ſie ſich einige Tage ſpäter auf einem Balle befand, wo es ſehr heiß war, warf ſie ihren Shawl mit den Worten von den Schul⸗ tern:„Ach, nun iſt mir gleich kandelabriſch!“
No m. In der öſterreichiſchen Kir— che wird ſeit Advent jeden Sonntag deutſch gepredigt.
Der Modenkourier. (Paris, 5. Dez. 1857.)
„Die Mode kommt, die Mode geht, Die Mode weilet und beſteht.““
1.„Andere Zeiten, andere Sitten!“ ruft ein Pariſer Journal aus,„vormals er— wähnte man aus England nichts als ſeine perfekte Induſtrie, ſeine rühmliche Schifffahrt, ſeine politiſche Oekonomie und die ſchönen blauen Augen ſeiner Weiber; aber die Mo— den, die koketten Fantaſien, o, die hütete man ſtch wohl jenſeits der Meerenge zu ſu⸗ chen. Seitdem aber unſere Sitten mehr ſym— pathiſiren, und unſere glänzenden Salons täglich das Beiſpiel einer glüklichen Verſchmel⸗
zung der Schönhelt der engliſchen Damen und der Grazien unſeres Landes bieten, vertau— ſchen wir gerne auch unſere Gewebe u. ſelbſt die Namen, die ſie tragen. So hat London unſere satins Héléne angenommen u. ſandte uns dafür die gazes Victoria. Dieſer Name eines jungen, graziöſen, königlichen Weibes, iſt zum Titel ſo vieler eleganten Novitäten in der Mode geworden. Man hat in Paris die gazes Victoria ſo liebgewonnen, wie die andere den Engländern angehörigen artigen Dinge, die man aber unglüklicher Weiſe bei uns nicht einführen kann u. ſ. w.“
2. Der Name Victoria wurde auch kleinen Pelerinen von roſenrothem Atlas, mit Silber geſtikt und Hermelin gefüttert, zuge⸗ theilt, welche zu den ſchönſten Theatertoilet⸗ ten bei großen Vorſtellungen gehören.
3. In der italieniſchen und in der gro⸗ ßen Oper bemerkt man eine große Anzahl Mantelets mit Hermelin garnirt. Der kar⸗ minrothe Sammet iſt der gewählteſte, ſeine Nuancirung gibt der Toilette herrliche Re⸗ flexe und hebt bewunderungswürdig die Haut⸗ weiße der Damen hervor.
4. Die Pelzwerke erheben ein Sieges— geſchrei dieſen Winter. Kaum daß wir etwas Kälte empfinden, ſo ſind die Nauchwaaren doch ſchon bedeutend im Preiſe geſtiegen, und troz dem ſind faſt alle Mantelets und Män⸗ tel vollſtändig damit gefüttert. Einige Man— telets, äußerlich ganz von Pelz, ſind mit Seide gefüttert und wattirt. Es ſind Pala— tinen, deren Form verſchiedenartig iſt.
5. Bis in dieſem Augenblik ſind die fla— chen Aermel in Mehrzahl, und wir haben Urſache zu glauben, daß ſie ihre Gunſt be⸗ halten werden.
6. Die Falben, welche ein Viertel oder ein Fünftel einer Pariſer Elle hoch ſind, werden in der Höhe von einer zweiten Falbe bedekt, welche ein Drittel oder die Hälfte ſo breit iſt als die Hauptfalbe.
7. Die Mode der kleinen Bonnets iſt nun unbeſtritten in der italieniſchen Oper allgemein geworden. Mehr als drei Viertel der Damen aus der haute société haben dieſe Koeffüre angenommen, deren beſonderes Ver— dienſt in einer originellen Einfachheit zu ſu— chen iſt. Merkwürdig iſt es, daß keines die— ſer Bonnets dem andern gleicht. Das Ei— ne beſteht aus einem Bouillon von Tulle mit einem Band in der Mitte; das Andere aus einer Blumen ⸗Guirlande, auf einem


