773
ſind bereits erſchienen und'das ent⸗ hebt uns einigermaßen der Mühe den Inhalt zu erzählen. Der Verfaſſer wählte einen merkwürdigen Abſchnitt aus dem Leben des in„zwei Hemisphä⸗ ren“ berühmten Mimen. Kean iſt der anziehende Held des Dramas und mit den lebendigſten Farben gezeichnet. Hier iſt Alles Wahrheit und Natur. Kean ſteht vor uns mit allen ſeinen Leidenſchaften und Schwächen; ſeinen Tugenden und Talenten, ſeinem Ge⸗ nius, ſeinem Geiſte, ſeinem Leichtſin⸗ ne u. ſeinen Thorheiten; kurz er re⸗ präſentirt ſeine ganze Genoſſenſchaft, und iſt das vollendetſte Prototyp der— ſelben. Wir müſſen dieſen Charakter liebgewinnen, weil er ſo ganz ohne Schminke und doch ſo geſchmeidig ge⸗ modelt vor uns ſteht; wir hören ſo ger—⸗ ne ſeinen Phraſen, ſeinen Mapimen zu, die ihm der Verfaſſer ſo geiſtreich in den Mund legt und das Zweige⸗ ſpräch mit Miß Anna Damby, im 2. Akte, enthält eine Muſterkarte von Reflexionen über Schauſpiel u. Schau⸗ ſpielweſen, die, wenn ſie auch der Neu— heit entbehren, doch ſehr wirkungsvoll eingekleidet ſind. Nur ſcheint uns ſei⸗ ne Heftigkeit gegen die Kritiker hier nicht am rechten Orte zu ſein, da es gewöhnlich nur die Sache der Mittel⸗ mäßigen oder gar Talentloſen ſeines Standes iſt, auf ſolche Art ihrem, wenn auch manchmal gerechten Aerger Luft zu machen. Die übrigen Charaktere ſtehen gegen dieſe Hauptperſon ziemlich im Hintergrunde, aber nichtsdeſtoweni⸗ ger erregen ſie Intereffe, beſonders je⸗ ner des Grafen Gales. Der Charakter iſt gut gehalten u. tritt erheblich her⸗ vor. Auch nimmt die Miß Anna Dam⸗ by unſere Theilnahme ſehr in Anſpruchz ſie iſt faſt die einzige bedeutende Per⸗ ſon des Stükes, die ganz unbeſcholten daſteht. Gut entworfen iſt der— 4
leur Salomon, er beurkundet, ſo wie
mehrere der Nebenperſonen, eine pikan⸗ te Originalität, mit einem Anſtriche engliſcher Eigenthümlichkeit. In der Baronin Frescati ſcheint der Dichter die Verſchrobenheit der engliſchen Ari— ſtokratie etwas mit zu greller Nuan⸗ cirung dargeſtellt zu haben; wir glau⸗ ben hier, ſo wie hin und wieder an andern Stellen, Spuren einer Natio⸗ nal⸗Gehäſſigkeit des Fran zoſen zu bemerken.— Glüklich iſt der Verfaſ⸗ ſer in der Situirung ſeiner Charakte⸗ re. Jeder iſt Meiſter ſeines Poſtens und bringt, in der Zuſammenſtellung mit den andern, die wohlberechnetſte Wirkung hervor. So entſtehen die frap⸗ panteſten Situationen, und Gelunge⸗ neres und Treffenderes kann es z. B. kaum etwas geben, als die Szene hinter den Kouliſſen.— So kann man dieſes Luſtſpiel als eines der beſten Erſchei⸗ nungen im Gebiete des Dramas der neueſten Zeit anſehen, wodurch das fran⸗ zöſiſche u. deutſche Repertoir wahrhaft bereichert wurde.— Was die Darſtel⸗ lung auf unſerer Bühne betrifft, ſo war ſie in den Haupttheilen entſprechend. Die Hauptrolle iſt zwar vom Verfaſſer ſo ausführlich, ſo begreiflich u. ſo le⸗ bendig hingeſtellt worden, daß einem talentbegabten Darſteller nur eine ſehr dankbare Arbeit übrig blieb; aber nichtsdeſtoweniger können wir von Hrn. Deſſoir ſagen, daß er den Kean künſt⸗ leriſch auffaßte u. ihn ſich aus der Seele griff. Rechnet man eine manchmal kleine ſentimentale Gleichartigkeit des Tones ab, ſo ſpielte er die Rolle ſo warm, ſo herzlich, ſo launig, ſo unbefangen, wie dies nur eine völlige Vertrautheit mit dem Sinne und dem Geiſte des Dichters vorausſezen läßt. Seine Lei⸗ ſtung erhielt große u. allgemeine An⸗ erkennung u. er ward, wenn wir nicht irren, viermal gerufen.— Nächſt ihm ſtand Hr. Dietrich(Graf Gales), der Innigkeit mit Humor verband.— Die


