762
hetßen, mußte man eine Größe von ſechs Fuß, breite Schultern, lebhafte Ge⸗ ſichtsfarbe und einen ſtarken Schnurbart haben. Leo war weit entfernt, dieſe glänzenden Vorzüge zu beſizen; auch hatte ſich Lombard begnügt, von ſeinem Neffen, den auch nach ſeiner Anſicht die Natur nicht gerade begünſtigt hatte, zu äußern:„Ich kann faſt mit Beſtimmtheit ſagen, daß Sie ihn nicht übel finden werden.“— Dieſer zweideutige Ausdruk hatte in Euphroſinen Zweifel und Unruhe erregt.
„Nun,“ ſagte Mad. Dutillois,„du biſt ja noch vollkommen frei; noch iſt nichts unterzeichnet. Du wirſt morgen Herrn Durant ſehen, und wenn er dir nicht zuſagt, ſo weiſen wir ihn wieder ab... Aber ich wollte darauf wetten, er gefällt dir.“ g
„Da liegt es eben; Sie bauen auf dieſe Vorausſezung, und deswegen gehen Sie nun ſo leicht über das Wort hin: wir weiſen ihn wieder ab. Glau— ben Sie denn, es ſei ſo leicht, Jemanden ins Geſicht zu ſagen: Sie gefallen uns nicht, wir finden Sie unangenehm und häßlich? Sehen Sie, meine liebe Mutter, wenn der Fall wirklich einträte, und Sie ſollten ihm dieſes Kom⸗ pliment machen, ſo weiß ich ſchon, daß Sie ſo verlegen wären, ſo ganz aus der Faſſung kämen, daß ich aus reinem Mitleid und nur um Sie aus der Verlegenheit zu ziehen, mich entſchließen könnte, ihn zu nehmen;„ ih kenne mich!— Glüklicher Weiſe weiß ich noch ein Mittel, das uns und ihm jede Verlegenheit erſpart.“ 9
„Und was für ein Mittel wäre dies?“
„Ich will es Ihnen ſagen: Sie laſſen einſpannen; in drei Stunden ſind wir in Montargis; wir ſteigen in dem Gaſthoſe ab, wo die Pariſer Di— ligencen anhalten; man kennt uns nicht; wir eſſen mit den Paſſagieren an der Table d'Hote zu Nacht; ich ſehe Herrn Durand, und wenn er mir miß⸗ fällt, ſo ſchreiben Sie ihm einen artigen Brief, der ihn abhält, nach Vony zu kommen, und der uns eine peinliche Erklärung erſpart. Was ſagen Sie
zu meinem Plane?“
Als Mad. Dutillois und ihre Tochter zu Montargis ankamen und in dem Gaſthofe abſtiegen, wo die Diligencen anhalten, war es neun Uhr Abends, und das Rachteſſen bereits vorüber. Euphroſine befragte nun die Wirthin, welche ihr bereitwillig auf ihre Fragen antwortete.
„Iſt unter den Reiſenden, welche heut von Paris ankamen, einer, Na⸗
mens Durand?“*
„Ja, Mademoiſelle, ja; ein junger Mann, der, ſo viel ich aus ſeinem Geſpräche vernahm, ſich in unſerer Gegend zu verheirathen gedenkt. Er hat die Abſicht, nach Bony zu gehen; Thomas ſoll ihn in ſeinem Kabriolet hin⸗ führen, wofür er fünf Franken erhält. Eigentlich wären drei Franken hin⸗ länglich, allein wenn man zu ſeiner Zukünftigen reiſt, ſo ſieht man auf etwas mehr oder weniger nicht ſo genau. Kennen dieſe Damen Herrn Durand? Soll, ich ihn von Ihrer Ankunft benachrichtigen? Er hat ſich noch nicht ſchlafen gelegt, denn es brennt noch Licht auf ſeinem Zimmer. Ach! da kömmt gerade Katharina, und bringt mir ſeinen Paß, den ich für die Behörde in Bereit— ſchaft halten muß. Ich will jezt nur ſeinen Namen ins Regiſter eintragen.
Werben die Damen zu Nacht ſpeiſen?“


