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6. Calindri's Verlcht von mehreren haͤngenden Thürmen im Bezirke don Bologna, namentlich des Thurmes zu Caſio, der auf eine Höhe von 80 Fuß ungefähr 33 Schuh überhängt; 0
d. die Worte des Fra Leandro degli Alberti im 4 ten Buche der 1ſten Dekade ſeiner Bologneſer Geſchichten, wie nämlich viele Vaumeiſter und er ſelbſt in Gemeinſchaft mit anderen Sachverſtändigen während Kaiſer Karl's V. Krönung zu Bologna(1550) von Neugierde getrieben, den Thurm Gariſandi genau unterſucht, aber aus der regelmäßigen Lage der Ziegel und aus der Gleichförmigkeit der Gerüſtlöcher, ſo wie aus dem ſenkrechten Abfalle der inne⸗ ren Wände von oben nach unten auf ſeinen urſprünglich ſchiefen Bau ge— ſchloſſen. g
Die Gegner aber ſagen: 8
Schaut ſtatt des eitlen Nachbetens alter Sagen die Thürme ſelbſt an, und ihr werdet richtiger ſehen als die Knaſterbärte von ſo vielen hundert Jah— ren. Wenn dieſe auf eine regelmäßige Lage der Ziegel und eine Gleichförmig⸗ keit der Gerüſtlöcher hinweiſen, ſo können ſie unmöglich damit ſagen wollen, daß die Ziegel der Gerüſtlöcher in horizontalen oder wagerechten Linien lie gen, denn der Augenſchein zeigt euch das offenbarſte Gegentheil. Wenn ſie alſo das nicht ſagen konnten, was ſollen ihre Phraſen beweiſen? Der loth⸗ rechte Abfall der inneren Wände von oben nach unten aber iſt— abgeſehen von dem ganz anders beſchaffenen Sachbeſtande— ſchon an und für ſich eine Ungereimtheit, weil die Thurmmauer auf der Seite der Senkung im ſchreiend⸗ ſten Widerſpruche mit allen Geſezen der Statik oben unendlich diker als un— ten ſein müßte. Aehnliches wurde vom Thume von Diſa gefaſelt, jedoch vom gelehrten Morona in ſeiner Pisa illustrata zur Genüge widerlegt. Und wo ſollen denn die Leute die ungewöhnliche Kunſt, ſchiefe Thürme mit ſolcher Si⸗ cherheit zu bauen, hergenommen haben? Etwa von ihren Vorfahren, die in noch tieferer Barbarei befangen lagen als ſie? oder von den Römern und Grie⸗ chen?— Wo und wann haben aber dieſe ſolche Thürme gebaut oder die Lehre dazu niedergeſchrieben? 0 haben ſie das Kunſtſtük vielleicht ſelbſt erfunden und es troz der ſeitherigen ungeheuren Fortſchritte der Baukunſt mit ſich zu Grabe genommen?
Ja wohl gibt es heutzutage auch anderwärts ſchiefe Thürme, nicht nur zu Vologna und Caſio; auch zu Molinella, in dem Sumpfwinkel zwiſchen dem Reno und Idice, iſt einer zu ſehen— auch Piſa, Ravenna, Venedig haben deren aufzuweiſen— überhaupt trifft man ſie dort, wo die Beſchaffenheit des Bodens dem konzentrirten Druke ſo gewaltiger Laſten auf ſo beſchränkter Ba— ſis in die Länge nicht gleichförmig widerſtehen konnte. Die allmälige Zunah⸗ me der Senkung des Gariſendi-Thurmes ſpricht unwiderlegbar für dieſen Um⸗ ſtand, wenn man auch über den Umſturz des Vianchi- und Alberighi-Thur— mes hinausgehen könnte, der doch wohl blos dem Weichen der Fundamente bei— gemeſſen werden muß. Hat man nicht den Aſinelli-Thurm lange für lothrecht gehalten, bis man endlich ſeine minder in's Auge ſpringende Senkung doch gewahrte?— Schönen Dank für die Kunſt eines Baumeiſters, der einen Thurm ſo hinſtellt, daß ſein furchtbares Gewicht aus dem Schwerpunkte fällt! — Wer hätte bei der Offenkundigkeit ſeines Wagesſtükes in der Nähe oder gar unter dem ſpizen Winkel eines ſolchen ſchiefen Thurmes wohnen mögen?


