Jahrgang 
Band 2 (1837)
Seite
738
 
Einzelbild herunterladen

738.

Füßen wird immer weicher und in Bologna iſt bereits mehr als einer von ihnen zu Fall gekommen.

Man leſe nur die ſchauderhafte Geſchichte vom Umſturze des Bianchi⸗ Thurmes, welcher Bologna's Grundfeſten am 3. April 1481 um die Mittags- ſtunde erſchütterte, zwei oder drei Häuſer zu Staub zerſchmetterte, mehrere andere ſtark beſchädigte, und ſechzehn Perſonen ſo zu ſagen mit dem Löffel im Munde erſchlug. So fielen der Thurm Alberighi und ſonſt einige von freien Stüken um, ohne jener zu gedenken, welche des Senates Vorſicht vor dem Falle abtragen ließ. Auch Enzio's Thurm würde nicht mehr ſtehen, wenn er nicht eben Enzio's Thurm wäre. Alidoſi nennet über 60 ſolche Thürme, worunter manche den Aſinellt an Höhe faſt erreichten. Heutzutage ſind deren kaum 5 oder ſechs vor handen. Bologna hieß darum einſt wie Pavia die hundertthürmige. Woher die vielen Thürme kommen? Es gab eine gute, alte Zeit, wo faſt jedes Haus eine Stadt, eine Feſtung war und es wegen der damaligen freundlich-ſozialen Verhältniſſe auch ſein mußte wo jede Familie, jede Zunft ihr Panier und darunter ihr Schwerdt ſchwang wo alſo nebſt einer derben Fauſt ein him melhoher Thurm mit klafterdiken Mauern zur Grundbedingung perſönlicher Sicherheit wurde, die ſich jeder verſchaffte, der konnte. Die Bologneſer nen⸗ nen freilich dieſe Vorliebe für Thürme eine Erbſünde und ſchieben die Schuld auf ihre Ur-ur⸗ahnen, die Hetrusker, Tuscier, Toskaner, welche wegen ihrer getbürmten Häuſer ad terrendos hostes Turigene, Tusceni, Tyrhe nier, d. i. Thurmbewohner, Thurmbauer genannt wurden. Nach Vizani, fin⸗ gen aber zu Bologna dieſe Privat-Thürme nicht vor dem Jahre des Heils 975 an und viel ſpäter(1247) erſt erſtand ihre Mehrzahl: die Thurm⸗ Erbſünde kam alſo ziemlich ſpät zum Durchbruche.

Das Schießpulver benahm jenen Thürmen den größten Their ihrer prak tiſchen Wichtigkeit, deſſenungeachtet galten ſie den Patriziern als Abzeichen ihrer Macht und Würde, als Wappenträger und Schildhalter, als Denkblöke und wenn man will wie die Pyramiden den Pharaonen, auch als Grabſteine ihres Ruhmes und ihrer Herrlichkeit, fortan ſehr hoch. Ich weiß zwar nicht, ob und wie lange etwa alle jene Thürme ſich zu Bologna's Verherrlichung verneigten, bevor ſich ſtatt der ſenk- die völlig wagerechte Lage einnahmen: ſo viel mag indeß ausgemacht ſein, daß ein ſchief hängender Thurm, wenn er nicht abſichtlich und mit gewiſſenhafter Berechnung voller Sicherheit ſo gebaut iſt, immer einiges Mißtrauen in ſeine Haltung verdiene, quand-meme unſer Wiener Stephansthut den Gott erhalte! Und daß die Thürme Aſinelli und Gariſendi nicht abſſchtlich ſchief gebaut worden, ſcheinet außer Zweifel zu liegen, wiewohl der patriotiſch-konſervative Archäologe das Gegentheil be bhaupten und jeden Schuz davor zur Abwehre der Brechſtangen als grundlos verbannen will.

Betrachten wir dieſe merkwürdigen Bauſtüke etwas näher. Sie ſind beide vierekig und ſtehen kaum zehn Schritte von einander, folglich auf gleicher Un terlage, will ſagen, auf glei Grund und Boden. Da ſezte wohl ein Nach bar dem andern den Wächter auf die Naſe. Den größeren 257 Schuh hoch ſoll der wakere Gerardo Aſinelli im Jahre 1109 1119; den kleineren, 130 Fuß hoch, die Familie Gariſendi gleichzeitig gebaut haben. Der erſtere erhebt ſich pyramidenförmig aus drei Abſäzen, wie die Knoten am Schafte des Zu⸗

17