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lein Nathalle S. war die erſte Parthie in ihrer Vaterſtadt, aber teres hatte ſie das ſlebenundzwanzigſte Jahr zurükgelegt und ſah faſt alle lhre chulfreundinen am Arm von Männern, denen ſie einen Korb gegeben; Na⸗ thalie war eine alte Jungfer. Die Eltern wurden nachgerade unruhig, und ſie ſelbſt beſeufzte im Stillen ein Verhältniß, das niedein natürliches iſt, in das ſich freilich die von Natur und Glük ſchlecht Ausgeſtatteten fügen müſſenz aber Nathalie war hübſch und ſehr reich. Da kam ihr Oheim auf Beſuch, ein reicher, in einer andern Provinz an ſäßiger Kaufmann, ein munterer, le⸗ bendiger Mann, gewohnt, alle Schwierigkeiten kek und mit kaltem Blute anzugreifen.„Sieh“, ſagte einmal Herr S. zu ihm,„Nathalie bleibt le⸗ dig; du ſiehſt, ſie iſt hübſch, was ſie mitbekommt, weißt du, die böſe Welt, ſelbſt in unſerm Krähwinkel, weiß ihr nicht das Mindeſte nachzuſagen— und ſie wird eine alte Jungfer.“—„Allerdings“, erwiderte der Oheim;„ſiehſt du, bei Allem in der Welt kommt es darauf an, einen gewiſſen Zeitpunkt nicht zu verpaſſen: das habt ihr gethan; es iſt ein Unglük, aber gib mir das Mädchen mit, und ehe ein Vierteljahr in die Welt geht, ſollſt du ſie wieder haben als gnädige Frau, mit einem Mann, ſo jung und reich wie ſie.“— Die Nichte reiste mit dem Onkel. Unterwegs fing er einmal an: „Höre, was ich dir ſagen will: du biſt nicht mehr Fräulein S., ſondern Frau v. L., meine Nichte, eine junge, reiche, kinderloſe Wittwe; du haſt das Unglük gehabt, deinen Gemahl nach vierteljähriger glüklicher Ehe durch einen Sturz auf der Jagd zu verlieren.“—„Aber, Onkel—“—„Laſſen Sie mich machen, gnädige Frau; Ihr Herr Vater hat mir unbeſchänkte Voll⸗ macht gegeben. Sieh, hier haſt du den Ehering des ſeligen Herrn v. 5 Schmuk und was du ſonſt brauchſt, gibt dir die Tante, und gewöhne dir ab, immer die Augen niederzuſchlagen.“— Der pfiffige Oheim ſtellte ſeine Nich⸗ te aller Orten vor, und überall machte die junge Wittwe das größte Auf⸗ ſehen. Man brängte ſich um ſie, und bald hatte ſie die Wahl unter zwanzig Werbern. Der Onkel rieth ihr, den Verliebteſten zu nehmen, und ein ſel⸗ tener Zufall wollte, daß dies gerade der liebenswürdigſte und reichſte war. Nicht lange, ſo war die Sache im Reinen, und eines Tags bat der Onkel den künftigen Neffen um ein paar Worte unter vier Augen.„Lieber Herr““, fing er an„wir haben Sie mit Unwahrheit berichtet.“—„Wie ſo? Sollte Frau b. L. ihr Herz—“—„Nichts derglerchen; meine Nichte iſt Ihnen aufrichtig ergeben.“—„So iſt ſie nicht ſo reich, als Sie mir geſagt?“— „Reicher.“—„Nun, was iſt es denn?“—„Ein Scherz, der mir einmal bei guter Laune eingekommen, ein unſchuldiger Scherz; wir konnten es aber nachher nicht wohl zurük nehmen; meine Nichte iſt keine Wittwe.“—„So lebt Herr v. L. noch?“—„Nichts weniger: ſie iſt ein, Mädchen.“— Der Liebhaber betheuerte, er ſei glüklicher, als er ſich träumen laſſen, und aus der alten Jungfer ward ſofort eine junge Frau.
Die Almoſenſammlerinen.
Vor noch fünfzehn oder zwölf Jahren war die Tracht derer, welche in einer Kirche in Frankreich Almoſen ſammelte, je nach ihrem Range, Hof- oder Valltrach. Eine junge Frau, eln junges Mädchen kamen in die Kirche als


