Jahrgang 
Band 2 (1837)
Seite
714
 
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Die Alten bildeten ſich allgemein ein, ſie müßten genußreich ihr Leben beſchließen, wenn ſie in den Armen der Perſonen verſchieden, dle ſie am mei⸗ ſten geliebt; deswegen hielt ſich vindarus für einen Günſtling der Götter, als er auf den Knien ſeines beſten Freundes den lezten Athemzug that.

Wie viele berühmte Perſonen ſind nicht vor Freude geſtorben! Leo X. befand ſich einige Stunden von Rom, ſpeiſte in einer Villa zu Abend und unterhielt ſich mit ſeinem Kämmerer über Malerei, als ein Page im ſtrengen Galopp herbeieilte und ihm die Nachricht brachte, die Franzoſen räumten Pa- via und Mailand. Die Nachricht ergriff den heiligen Vater ſo ſebr, daß er krank wurde und alsbald ſtarb. n 2e

Es war dies das einzige Mal in ſeinem Leben, wo ihm Charakterfe⸗ ſtigkeit mangelte. 8

Oft iſt ein luſtiger Tod eine Zerenmonienſache, eine obligatoriſche Eti kette für den Rang, den der Todte, ſo lange er lebte, mit Glanz bekleidet hatte. Wir leſen im Suetone, daß Auguſtus, als er ſich ſeinem Ende nahe fühlte, einen Spiegel verlangte, ſich ſeine Haare ordnen ließ, als wi ſein Puz ihm zu etwas dienen ſollte, und zu ſeiner verſammelten N lachend ſprach:Meint Ihr, ich ſei ein guter Schauſpieler. 9 0

Rabelais ſtieg auf eine ziemlich ähnliche Weiſe in's Grab, nur war bei ihm etwas mehr Offenherzigkeit mit derſelben Ironie verbunden.

Der Marquis von Nacan, der ſo ſchöne Verſe gemacht hat, die ſo we nig geleſen werden, erzählt uns die wunderbarſten Sachen aus den lezten Zü⸗ gen Malesherbe's. 5.

Bevor er den Geiſt aufgab, ſagte Racan, fuhr er plözlich auf, um ſeine Wirthin, die ihm als Wäxterin diente, wegen eines Wortes zu verbeſ⸗ ſern, daß ihm in ſeinen Ohren nicht recht franzöſiſch klang und als ihm ſein Beichtvater deswegen Vorwürfe machte, erklärte er, er werde die Reinheit der franzöſiſchen Sprache bis zum lezten Seufzer vertheidigen. Ich glaube nicht, daß irgend ein Mitglied des Inſtituts einer ſolchen Geiſtesgegenwart fähig wäre. 7

Der Schottlaͤnder Buchanan ſtarb wie Moliere, blos etwas luſtiger. Moliere hauchte ſeine Seele aus, nachdem er ſich mit der Verhöhnung der Aerzte in dem Malade imaginaire bis zum Tode abgemattet hatte, Buchanan, dem das Leben abgeſprochen war, der in den lezten Zügen lag, erfährt von ſeinen Aerzten, daß der Wein für ihn ſchädlich ſei. Sogleich, um ihre Wiſ ſenlchaft lächerlich zu machen, ergreift er einen großen Pokal, leert ihn vor ihren Augen, und tritt hinüber in das Nichts.

Die alte Jungfer als junge Wittwe.

Folgende wahre Geſchichte gäbe vielleicht Stoff zu einem kleinen Luſt⸗ ſpiel, wenn man in Deutſchland noch Luſtſpiele machte. i

Je hübſcher und reicher ein Mädchen, deſto wähliger ſind meiſt die El tern und ſie ſelbſt, und deſto mehr Körbe werden ausgetheilt. Der eine i ſt zu groß, der andere zu klein, dieſer nicht reich, jener nicht angeſehen genug. Allermittelſt verſtreicht ein Frühling nach dem andern, und Jahr um Jahr nimmt ein Blatt der Jugenblüthe und eine Gelegenheit mit ſich fort. Fräͤu⸗