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Straßenbeleuchtung in England.
In einem Aufſaze von M éry:„Eine Sommernacht in London,“ heißt es über die nächtliche Erleuchtung dieſer ungeheuren Stadt: Es iſt ein un⸗ vergleichliches Schauſpiel, dieſe Gaserleuchtung vou zwanzig Meilen, die wahrhafte Wirkung eines Traumbildes. Es iſt möglich, daß der einheimiſche Engländer niemals dieſen zweiten Anblik Londons gehabt hat, denn im All- gemeinen kennt Niemand ſchlechter ein Land, als der, welcher es bewohnt; aber der Fremde faßt leicht alles Neue auf, das dem Eingebornen entgeht.— Keine Stadt in der Welt iſt mit London in Bezug auf nächtliche Sicherheit zu vergleichen. Alle Straßen ſind hier gleich den Sälen eines Palaſtes erleuch⸗ tet; man wandelt in einem beſtändigen Gaslichte, und der Geiſt erſchrikt bei der Berechnung, was dieſes wunderbare unterirdiſche Werk von Arterien und Adern, welche den Tag und das Leben in der unermeßlichen Stadt wieder an⸗ fachen, zu ſchaffen und zu unterhalten koſtet. Ganz England iſt auf dieſelbe Weiſe für ſeine Nächte beſorgt: Städte. Fleken, Brüken, Landſtraßen, über— all dieſelbe reiche Erleuchtung. In den Ländern, wo die Sonne faſt nur dem Namen nach bekannt iſt, wo der Mond und die Sterne unnüze Behelfe ſind, iſt es nicht zu verwundern, daß man jene künſtlichen Sterne zu Miriaden vermehrt hat, um der geizigen Natur zn beweiſen, daß man ihre Gaben ent⸗ behren kann, wenn man in England iſt und Steinkohlen⸗Gruben zur Hand bat. Gott gebe, daß die Gruben ſich nicht erſchöpfen! Albion würde er⸗
löſchen. .
Etwas über die jezigen Damenhüte.
Der galante Verfaſſer eines galanten Artikels:„über die Variſer Da⸗ men und ihre Moden,“ in einer Pariſer Zeitſchrift, zieht im Nachſtehenden ſehr heftig gegen die Mode der Damenhüte zu Felde.„Es iſt,« ſagt er, »ein ſehr ernſter Krieg, der gegen den Damenhut geführt werden muß; ſeine Geſtalt verbirgt, zum eignen Nachtheil der Koketterie, einen ſehr intereſſan⸗ ten Theil des Geſichts, zu deſſen Verſchönerung er doch im Grunde beſtimmt iſt. Die Ohren verſtekt er ganz und vernichtet die Grazie der Wangen. Un⸗ ſere Vorfahren verſtanden ſich weit beſſer auf das, was der Schönheit förder⸗ lich und vortheilhaſt iſt. Callot's Signora Lavinia trägt auf dem Scheitel nur einen kleinen ſpizigen Hut mit breiten Rändern, der nicht bis an das Geſicht reicht. Die Damen des 18. Jahrhunderts ſtülpten zwar auch noch einen Hut auf ihr mächtiges, wolkenſchwangeres Pudergebäude, allein nie würden ſie es zugegeben haben, daß ihr Kopfpuz den Geſichtswinkel mit in Beſchlag ge⸗ nommen Hätte. Und merkwürdig genug, dieſer Damenhut weiß gerade, ſowie der runde Hut bei den Männern, ſelne lange Oberherrſchaft zu behaupten und tyranniſirt ein Geſchlecht, dem doch ſonſt die Revolutionen nicht ſchwer fallen. Man erinnere ſich nur einmal an eine Toilette, wie ſie noch vor zehn Jahren beſtand; da ſah man Roben aus einfacher Seide mit engen und kurzen Rö⸗ ken, mit dünnen Fichus und ärmlichen Pelerinen. Allein über Nacht hatte ein großartiger Stil, ein Widerſchein des Mittelalters die brochirten und blu⸗


