Jahrgang 
Band 2 (1837)
Seite
699
 
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Bahn ſo pünktlich inne, daß ſie faſt immer an dem naͤmlichen Tage der Woche wieder auf den nämlichen Plaz kommen. Sie kennen daher ͤhre Leute genau, und wo es ihnen auch nicht gelingt, durch die Dienſtboten die Hände und Börſen der Herrſchaften in Bewegung zu ſezen, da ſind doch die Köchinen oder Haushälterinen meiſtens ſo barmherzig, ihnen ein Stük Fleiſch ober derglei⸗ chen zuzuſteken, wovon natürlich ein ſehr geringer Theil für ihren Appetit hinreicht, während der große Ueberſchuß bei beſtimmten Abnehmern in Geld verwandelt wird.(Beſchluß folgt.) ö

Eigene Art, Schneiderrechnungen einzukaſſiren.

Ein eleganter junger reicher Franzoſe lebte einige Zeit in London und nahm einen engliſchen Schneider, den erſten in London, an, der die Ariſto⸗ kratie kleidet. Dieſer Schneider iſt ſehr reich, hat eine Villa mit wohlrie⸗ chenden Gewächshäuſern und grünen Parks; ſeine großen Werkſtätten ſind ab⸗ getheilt wie ein Miniſterium; ſeine Geſellen nennt er ſeine Beamten und wenn er Jemanden das Maß zu nehmen hat, fährt er ſtets in eigener elegan ter Equipage vor. Der junge Franzoſe wurde gut von ihm bedient und da er nicht gewohnt war, Schulden zu machen, bat er ſich ſeine Rechnung aus.

Der Herr ſcherzt wohl, antwortete der erſtaunte Schneider.Iſt der Herr mit mir nicht zufrieden? Die Rechnung? Nie.

Der Schneider entfernte ſich; der junge Franzoſe bat mehrmals von neuem, aber immer vergebens, um ſeine Rechnung. 5

Nach langer Zeit erſchien endlich ein Mann des Geſezes im ſchwarzen Anzuge und ſagte, der berühmte Schneider habe Bankerott gemacht und die Gläubiger trieben die ausſtehenden Forderungen deſſelben ein.

Der junge Franzoſe wunderte ſich gewaltig und bezahlte. Eine Viertelſtunde nachher erſchien indeß Frank, der reiche Schneider, beiter und von demſelben Luxus umgeben, ſel bſt.

Herr Frank, redete ihn der Franzoſe an,ich habe eben gehört.. ich bedaure vom Herzen..

Was 2.. Ach, ich verſtehe Da habe ich die ſchönſten neueſten We⸗ ſtenzeuge; iſt Ihnen etwas gefällig davon?

Der Franzoſe konnte ſich von ſeinem Erſtannen gar nicht erholen, bis der Schneider ihm das Näthſel löſete. 5

Die engliſche Ariſtokratie, ſagte er,hat einen beſondern Stolz und eine ganz eigenthümliche Anſicht von den Dingen; ſo hält ſie es z. B. für einen großen Verſtoß gegen die Schiklichkeit, wenn man ſie um die Bezahlung für etwas angeht. Ein Schneider, der eine Rechnung übergibt, verliert einen Kunden. Man bezahlt ihn und läßt nichts wieder bei ihm arbeiten. Die Sache iſt bedenklich. Was thut der gewandte Schneider? Er macht Bankerott, läßt ſeine Gläubiger zuſammen kommen und trägt einem derſelben auf, die ausſte⸗ benden Schulden einzukaſſiren. Der Stuzer, der den Schneider nicht bezahlt haben würde, bezahlt ohne Schwierigkeit einen Mann, den er nicht kennt. Aus dieſem Grunde macht auch Herr Frank regelmäßig alle zwei Jahre ein Mal Vankerott, bleibt aber natürlich troz dem ſehr reich und hat den größ⸗ ten Kredit. So umgeht man die Schwierigkeit.