Jahrgang 
Band 2 (1837)
Seite
678
 
Einzelbild herunterladen

678

Muſikſtüke da ſtehen mögen, der Cha⸗ rokteriſtik faſt ganz entbehren; wahr iſt es endlich auch, daß man hie und da Stellen begegnet, die etwas zu ſtrenge geformt, ſich nicht ſo leicht Ein⸗ gang in Ohr u. Herz verſchaffen wer den aber dieſe Paſſiva werden durch die Aktiva des Werkes bei weitem überwogen u. eben das ſichtbare Schwan ken des Tonſezers von einer Schule zu der andern hat ihn mit den An⸗ hängern Aller befreundet; er ſchrieb für Herz und Verſtand; er ließ ſich von Begeiſterung und kalter Berechnung leiten und brachte ſo dem Geſchmake aller Partheien einige Opferſchnittchen dar. Die Ouverture iſt eine herrliche Piece, ſie iſt mit Geiſt und Ge ſchmak durchgeführt, eine wahre Ein⸗ leitung und Anleitung, eine paſſende Pforte zu dem großen darauf folgenden Operngebäude. Im erſten Akte macht ſich das Hexen⸗Terzett bemerklich, eine an ſich wunderſchöne Kompoſition, die aber zu wenig bizarr, zu wenig ſchil⸗ lernd und grell iſt, um nicht in He venkehlen alle Wahrheit zu verlieren. Das Marſch⸗Finale dieſes Aktes, der übrigens an Längen laborirt, iſt voll impoſanter Wirkung. Der zweite Akt iſt die Glanzparthie der Oper. Er hat die großartigſten u. effektvollſten Num⸗ mern, ſo wie die ſchmelzendſten Melo dien. Das Quintett am Schluſſe iſt ungemein ſchwierig, aber bei gelunge⸗ ner Exekutirung außerordentlich loh nend. Es iſt ein Prachtſtük. Mit die⸗ ſem Akte hätte die Oper ſchließen ſol len, um ihren Werth noch zu ſteigern; denn im dritten und vierten Akte ſcheint der Kompoſſteur ſich ſchon etwas erſchoͤpft zu haben; jedoch iſt die Sze⸗ ne der Lady Macbeth im vierten Akte eine treffliche Nummer, voll dramati ſcher Erhabenheit u. Würde, und trug viel zu der Senſation bei, die dieſe Oper hier bei Kennern machte. Dieſe

Senſation kann ihr gewiß auch auf keiner Bühne entgehen, die gleiche ar tiſtiſche und ſzeniſche Kräſte aufz

ſen hat, wie die hieſige, und dieſ eben ſo geſchikt und zwekmäßig anzu⸗ wenden befähigt iſt, wie es diesmal hier der Fall war. Wir ſagen nicht zu viel, wenn wir behaupten, daß die Exekutirung der Oper ſowohl, als auch die glänzende Ausſtattung in allen Theilen keinen Wunſch zurü n und jeder großen Hofbühne höoͤchſten Ehre gereichen würden. Vor llem ge⸗ bührt der Dem. Henriette Carl, die heute zum Erſtenmale, zur Freude des ganzem Publikums, als neu en⸗ gagirtes Mitglied erſchien, die erſte Palme. Die hochgeſtellte Künſt lerin gab die Lady Macbeth und flocht ſich damit eine der ſchönſten Blumen in ihren reichen Nollenkranz. Die Auffaſſung des Charakters konnte nur das Ergebniß eines tlefen Studiums und eines kühnen Eindringens in die Myſterien des Dramas und der M ſein. Die Sängerin ſympathiſirte mit dem Geiſt der Harmonie und der Me⸗ lodie, wenn ſie ſang, und entfaltete einen Reichthum von mimiſcher und plaſtiſcher Draperie, wenn ſie agirte. Die große Arie, ſo wie das Duett im zweiten Akte erhielt durch ihre unge⸗ meine Kehlenfertigkeit, der Kraft, An⸗ muth u. Feuer des Geſanges die vom Tonſezer gewünſchte höchſte Bedeutung. Aber was wäre die 5 des 4. Aktes, wäre ſie einem minder begabten Geſangstalente, als der De mol ſelle Carl anvertraut! Hier war jeder Zoll Berechnung im Einklange der tiefſten Empfindung. Die Malerei der Leidenſchaft gelang ihr in Ton und Geberde ſo vollſtaͤndig, daß die Zuſchauer nicht ohne Erſchütterung dies furcht bar ſchöne Bild anſtaunen konnten. Die Szene ergriff eben ſo mächtig als ſie das Schönhelts-Oefühl aller Bewunde⸗