Jahrgang 
Band 2 (1837)
Seite
677
 
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ten, den Proben belzuwobnen, oder elnige

Nummern der Patitur auf andere Weiſe kennen zu lernen, waren über den Ge⸗ halt eines Tonwerks getheilt, das ſeit ſeines etwa zehnjährigen Lebens noch über ſehr wenige fremde Bühnen ſchritt; man ſtellte ihm eine in jeder Hinſicht verſchiedenartige Prognoſis für unſere Bühne, ohne daß man in Er wägung zog, daß keine Gattung theat raliſcher Erzeugniſſe mehr von dem Fo rum der öffentlichen Meinung abhängt, als eben die große Oper, und daß der Geſammt⸗Eindruk auf ein groſes Pu blikum über ihre fernere Exiſtenz allein entſcheidet. Am 21. d. M. kam nun, zur Beneſize des Hrn. Kapellmeiſters Grill, Macbeth, große heroiſche Oper in 4 Akt., frei nach dem Franzöſiſchen von M. C. Heigl, Muſie von C. Chelard, kön. baier'ſchem Hofkapellmeiſter, zur erſten Aufführung und ein glükli cher Erfolg entſprach allen günſtigern Erwartungen. Wäre dieſe Oper nicht zuerſt in München erſchienen, und ſich ſo einen Verdacht der De utſchheit zugezogen; hätte ihre Geburt die Aca⸗ demie royal zu Paris oder St. Carlo in Neapel geſehen, ſo hätte ſie ſchon ſicher die Runde durch halb Europa zemacht und ihre lieblichen Weiſen hätten ſchon längſt, ſo wie andere Er⸗ zeugniſſe des Zeitgeſchmakes, in den Sa lons u. Kreiſen der eleganten Welt ein 9 1 5 5 erlangt. Vielleicht wird Peſth der Ehre theilhaftig, dieſem ſchö⸗ nen Werke einen erneuerten Geleits brief in die muſikaliſche Welt zu er⸗ theilen; ſo viel können wir mit Ge wißheit annehmen, daß überall, wo gleiche Kräfte wie auf hieſiger Bühne entwikelt werden können, der Succeß auch derſelbe ſein muß. Ueber den Text läßt ſich nicht viel ſagen. Shak⸗ ſpearsMacbeth kennt jeder Gebil⸗ dete, wer ihn nicht kennt, wird ihn aus dieſem Buche gewiß nicht erkennen.

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Der Held erſcheint bier nur als ein erbärmliches willenloſes Inſtrument. Er ſingt eine große Arie, ein Paar Duetten dc. und läßt ſich von ſeiner Gemahlin den Mordſtahl aufdringen. Die Oper könnte eherLedy Macbeth heißen, denn die iſt die eigentliche han⸗ delnde Hauptperſon. Aber nehmen wir es bei einem Operntexte nicht ſo ge nau; wie wäre es auch möglich, das Nieſenwerk des großen Britten in ſol⸗ chen ſchmalen Rahmen zu zwängen; ſind doch einige Hauptmomente gut gewählt: die Muſik und die Phantaſie des Hö⸗ rers mögen das Fehlende ausfüllen. Was die Muſik anbelangt, muß man wohl in Verlegenheit gerathen, wollte man den Kompoſiteur zu irgend einer der drei ſich bekämpfenden Nationen placiren. Leichtigkeit und knallender Effekt machen ihn zum Franzoſenz Sũ⸗ ßigkeit u. Melodienreichthum zum Ita⸗ liener; Kernhaftigkeit, Gründlichkeit, Heren, Furien und Trinkchor zum Deutſchen, und ſo wie ihre Vorzüge, vereint er auch die Fehler der drei Na tionen; er ſcheint ſchon früher als Meierbeer den Vorſaz gefaßt zu ha ben, es mit keiner Parthei verderben zu wollen. Die ganze Partitur dieſes Tonwerkes iſt ſo ziemlich wie aus ei⸗ nem Guſſe geformt; er herrſcht Ru n⸗ dung, Einheit, planmäßige u. har⸗ moniſche Ineinanderkettung der einzelnen Glieder darin. Der Bau der Melodien iſt meiſt in edlem, grand⸗ joſem Style gehalten u. größtentheils mit Glük ausgeführt; ſie haben einen kunſtgerechten Saz zur Vaſis; eine volle, glänzende Inſtrumentirung hebt in reicher Farbenpracht ihre ſcharf aus gedrükten Kontouren. Wahr iſt es wohl, daß Manches zu leicht genommen i ſt und gar unbeſtimmt und oberflächlich auf dem Wellenſchlage des Töneſtromes dahin ſchwebt; wahr iſt es auch, daß einige Nummern, ſo ſchön ſie auch als

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