675
Das ſchönſte Mädchen in Oporto war eine junge Spanierin, Namens Koroline. Sie war die Tochter des Alkalden von Ponte-Vedra in Galizien, und hatte ihren Vater begleitet, als er aus dem Lande flüchten mußte. Der wakere Mann war ſeit einigen Monaten geſtorben und hatte Karolinen allen Leiden einer Belagerung und allen Verlok ungen eines kriegeriſchen und verderbten Hofes preisgegeben. Ich habe nie ein ſchöneres Weſen geſehenz ihre Augen waren ſchwarz wie die Nacht und in ihrer Geſichtsfarbe ſpielten jene goldigen Lichter, von denen man in unſern traurigen Himmelsſtrichen
nichts weiß. Alles an ihr trug den Stempel der Vollendung, Hände und Füße
waren niedlich klein, und ihr Gang hatte jene Majeſtät und Eleganz, wie man ſie nur bei Spanierinen findet. Die arme Karoline war eben ſo tugend⸗ haft als ſchön; der Feldherr und ſein hochmüthlich zuverſichtlicher Schwager nebſt allen übrigen Liebesrittern der Armee beugten in tiefer Anbetung die Knie vor ihr; ſie hatte ſich aber ſo beſcheiden und verſtändig benommen, daß ſie die Achtung der ganzen Welt— unſere Flotte mit inbegriffen— davon trug. Auch ich war von den Reizen der engelgleichen Karoline verwundet und benuzte im gewöhnlichen oder außerordentlichen Urlaub, wie ich ihn mir zu verſchaffen wußte, jeden Augenblik, um, vor ihren Fenſtern auf und ab wan⸗ delnd, wo möglich einen Blik ihrer ſchönen Augen auf mich zu ziehen. Ich war ſo verliebt, als ein Marineoffizier nur immer ſeln kann, und meine hoff⸗ nungsloſe Leidenſchaft war ſo offenkundig, daß man mich bei Tafel damit aufzog, und unſer ſchadenfroher Vefehls haber, der wahrſcheinlich bereits von derſelben Feſtung mit Verluſt zurükgeſchlagen worden war, nie verfehlte, in väterlichem Tone zu fragen, ob ich meinen gewöhnlichen Spaziergang gemacht habe und ob er glüklich ausgefallen ſei?
Man kann ſich denken, wie groß meine Freude war, als ich erfuhr, daß die Hungersnoth endlich auf wahrhaft erſchrekliche Weiſe um ſich greife, und daß ſelbſt der Feldherr mit Barcalho, ſchwarzem Brod und Portwein vorlieb nehmen müſſe. Ich geſtehe zu meiner Schande, daß mein Herz freudig pochte, als ich von einem Menſchen, durch welchen ich Karolinens Haus bewachen ließ, erfuhr, das arme Mädchen ſei in der äußerſten Noth und wiſſe ſich weder zu rathen noch zu helfen. Unſere Schiffe waren, wie geſagt, vortrefflich provi— antirt, und auf dem Signalpoſten, wo ich ſtand, lebte man herrlich und in Freuden. Die Migueliſten hielten redlich Wort, und wir empfingen Tag für Tag unſere Natlonen Ochſenfleiſch, Geflügel, Gemüſe und Früchte. Der Be ſehls haber des Geſchwaders erfüllte aber ſein Verſprechen mit gleicher Pünkt— lichkeit, und troz aller geheimen Anerbietungen von Seiten des Kaiſers, troz der Bitten und Vorſtell ungen ſeines Generalſtabs, gab er nicht zu, daß auch nur ein einziges Pfund Fleiſch nach der Stadt gebracht wurde. Mehrere in der Stadt anſäßige Engländer nahmen ſeine Protektion in Anſpruch, aber Alles umſonſt: er wollte durchaus nicht dem Ehrenwort zuwider handeln, das er Don Miguels Befehlshaber gegeben. Man kann ſich kaum vorſtellen, auf welchen Preis nach und nach die Lebensmittel in der Stadt getrieben wurden; mir aber kam gar bald der Gedanke, wie es kein beſſeres Mittel geben dürfte, um das widerſpenſtige Herz der ſchönen Spanierin zahm zu machen, als wenn ich ſie von Zeit zu Zeit mit Broſamen von unſexer Tafel verſorgte.
(Fortſezung folgt.)


