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bliken Troſt zuſprach, und endlich von dem Notarius, dem das Teſtament an⸗ vertraut wurde. Die arme Frau iſt vor dierzehn Tagen zu Pontoiſe geſtor⸗ ben, wo ſie ſett 1789 lebte, und ihr Teſtament habe ich in Ruel erhalten, wo ich in Garniſon ſtehe. Iſabelle lebte ſelt dreißig Jahren in einem alten Quartiere der Stadt; allein, zurükgezogen, hatte ſie zwei Zimmer in einem ſchlechten Hauſe inne; man hielt ſie für arm, und der Pfarrer von Saint⸗ Maclou wollte ſie oftmals auf ſeine Armenliſte ſezen; auch entſchuldigte ſich der Notarius, der mir das Teſtament ſandte, wegen der Unruhe, die er mit einer werthloſen Erbſchaft halber mache, er bat mich auch um die Vollmacht, die Siegel abzunehmen, um mir die Koſten und Mühe einer Reiſe zu erſpa⸗ Ich bin nicht ſeiner Meinung, und komme von Pontoiſe; Ifabelle hin⸗ 5 nichts weiter, als ein kleines eiſernes Käſtchen, das ich unter ihrem Bette gefunden habe und Millionen in Guineen und Diamanten ent halt.
Sie ſind alſo nun reich, mein Herr, ſagte ich zu ihm; ich freue mich über Ihr Glük.
Der Sturm war vorüber, und ob wir gleich in einem kleinen Zimmer uns befanden, ſo konnte man doch an dem lebhaften Feuer, das im Kamin kni⸗ ſterte, erkennen, daß die Kälte zugenommen hatte.
Wie iſt es denn, mein Herr? ſagte Herr de Vatry, Iſabellens Teſta⸗ ment, das ich noch in der Hand halte, ergreifend; vergeſſen Sie den Rath, den Sie mir ſo eben gaben? Vergeſſen Sie Iſabellens Gewerbe?
Er ließ das Teſtament der Negerin einen Augenblik über den Flammen ſchweben, und ſeine zttternde Hand ließ es fallen; das Papier verbrannte in einem Augenblik und ſtieg in der Kamlinröhre wie ein kleiner, von Funken bunter, ſchwarzer Schleier in die Höhe.
Aber Ihre Tochter, mein Herr; aber Ihre Tochter! Sie ſagten mir, daß Sie eine Tochter hätten. g
Ja, ſie iſt ſchön und rein; aber ihre Ausſtattung darf nicht der Ertrag eines ausſchweifenden Lebens ſein.
Wem ſollen aber alle dieſe Reichthümer zu Statten kommen?
Dem Staate, mein Herr.
Ich war Schreiber eines Notars, und gab dem Marquis zu erkennen, daß er mir von dem Inhalte der unangenehmen Papiere, die ihm Schauder erregten, nichts geſagt habe; er geſtand mir erröthend, daß ſie Schulden be— träfen, die er mühſam Monat für Monat von ſeinem Gehalte abtrage. Be wundernd ſchwieg ich.
Der Bordeaux-Wein aber! rief ich nach einem augenbliklichen Schwei gen und die Hand des edeln Greiſes drükend.
Sie ſehen, es iſt Alles, was mir von dieſer Erbſchaft zufallen wird, ich habe ſechs Flaſchen davon in einem kleinen Speicher gefunden, wohin die arme Frau niemals kam, fünf davon habe ich dem Pfarrer, einem Greiſe, gegeben, und blos die eine behalten, die wir ſo eben getrunken haben. Ich habe Ver— muthungen, mein Herr, die Sie vielleicht nicht theilen. Es ſcheint mir näm⸗ lich, daß die Todten uns ſehen und unſere Handlungen beobachten; durch die Verfügung über dieſen Bordeaux wollte ich jener armen Frau ein Zeichen von Liebe geben, ihr für ihre Freundſchaft für mich danken, der ich ſie nie liebte, und von ihr dasjenige annehmen, was ich ohne zu erröthen annehmen kann.


