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Keinesweges, erwiderte er. Wenn ich Kranke beſuche, ſo geſchleht es nicht, um bei ihnen Karten zu ſpielen und Gänſeleberpaſteten zu eſſen. Mir würde ſchon übel werden, wenn ich nur den Apotheker oder den Doktor durch das Zimmer gehen ſähe.
Man ſtürmte auf ihn ein, um gegen dieſe Gefühlloſigkeit zu Felde zu ziehen; da er aber wirklich dachte, was er ſagte, ſo wurde es ihm auch leicht, ſich eben ſo geiſtreich als vernünftig zu vertheidigen. Er perſiflirte dieſe Da— men mit ihrer lächerlichen und anſtößigen Ziererei, ihren empfindſamen Gau— keleien, ihren ganz nuzloſen Aufopferungen, durch die nichts erreicht wurde, als daß dieſer und jener Mann mit dem Namen der Herzogin von Poix oder der Prinzeſſin von Tyrenne in einem Athem genannt wurde.— Er war aber in der ganzen großen Geſellſchaft der einzige Mann, der ſo ſelbſtſtändig und ſo vernünftig war, dieſe Tollheiten nicht mitzumachen, und der nicht zu Frau von Mauconſeil fuhr, um dort zu eſſen und ſeine Partie zu ſpielen.
Zum Glük wurde ſie wieder beſſer, denn ich weiß ſonſt wahrlich nicht auf welche Unſinnigkeiten man bei ihrem Begräbniß verfallen ſein würde. Man ſandte, um ihre Geneſung zu feiern, ganze Karren mit Lampen nach der Vor— ſtadt St. Honors, um dort eine alte, häßliche kleine Straße zu erleuchten, die Mauconſeil heißt; man befreite— und dies war allerdings das Beſte, was man thun konnte— 25 arme Schuldgefangene, man führte Feſtſpiele auf, man vergoß Freudenthränen und als ſie ſechs Monate darauf ſtarb, war von ihrem Tode gar nicht die Rede. Sie war aus der Mode gekommen und man erfuhr erſt, als man eine Einladung zum Begräbniß erhielt, daß ſie wieder krank geweſen war. 1
Einer Art von Etikette jener Zeit muß ich noch er wähnen; ſie beſtand darin, daß man, wenn man das Unglük gehabt hatte, bei einem Prinzen von Geblüt in Ungnade zu fallen, ſtreng verpflichtet war, nicht im Zimmer, im Zirkel, ja ſelbſt nicht einmal in der größten Geſellſchaft zu bleiben, ſo bald ein ſolcher Gegner erſchien. Man ſchlich höflich davon, ſobald man ihn erſchei⸗ nen ſah; dies war einmal ſo hergebracht. Der Herr von Bikvres— der durch ſeine Wortſpiele ſo berühmt geworden iſt— that dies aber nie wenn der Herzog von Chartres erſchtien, dem er durchaus unausſtehlich war, und Nie— mand mißbilligte ſein Betragen. Der Prinz von Conti war der Erſte, gegen den man dieſe Verbindlichkeit aus den Augen ſezte, weil er unaufhörlich Vor— wände erſann, ſich mit Jedermann zu erzürnen.— Hatte man einen Prozeß mit der Kanzlei dieſes Prinzen, oder hatte man ſich ein Bischen über die Gräfin von Bouflers luſtig gemacht, gleich kam der Kavalier des Prinzen, der Graf von Boulainvilliers, auf einen zu, verneigte ſich tief und ſagte: Mein Herr Marquis, oder mein Herr Abbé, ich habe die Ehre, Sie zu benachrichtigen, daß Se. königliche Hoheit hier ſind. Dies war die Formel, deren man ſich bei ſolcher Gelegenheit bediente, und der Prinz von Craon war der Erſte, der ſich dieſer Weiſung nicht fügte. Er war mit dem Prinzen von Conti an einem Abend in zwei Häuſern zuſammengetroffen; auf die erſte Weiſung ant⸗ wortete er, er ſei darüber ſehr erfreut, und der zweiten kam er zuvor, indem er mit ſehr wichtiger Miene auf Herrn von Voulainvilliers zuging: Sie wür⸗ den mir viel Vergnügen machen, redete er ihn an, wenn Sie Ihren Prinzen
benachrichtigen wollten, daß ich nicht mehr in die Gräfin von Rouhault ver⸗


