Jahrgang 
Band 2 (1837)
Seite
634
 
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Dazu nun noch alle 14 Tage eine vortreffliche ſchwarze Latwerge, die aus Ta⸗ marinden! Manna, Senesblättern, einem Körnchen Schwefel, eine Meſſer⸗ ſpize voll Rhabarber, einem Skrupel Aloe, einem Gedanken von Jallappe und aus venetianiſchem Theriak beſtand, welches Alles in Werthmuthwaſſer gekocht wurde. Doch du erinnerſt dich gewiß noch meiner kleinen guten Arzneimit⸗ tel und ich glaube, daß dir, bei dem Andenken daran, noch das Waſſer in den Mund kommt. Nicht wahr, ſie ſchmeken koſtlich?

Ich verſichre dich, die Kinder würden, wenn ſie auch in meinem Kabinet ganze Schachteln voll Oblaten gefunden hätten, doch nicht auf den Gedanken gekommen ſein, ſie ſtehlen zu wollen. Sie wurden bei dieſer neuen Lebens weiſe, die für mich eine ganz alte war, dik und fett und luſtig und hübſch; ſie wurden auch viel zutraulicher, lenkſamer und wahr hafter, und wenn ihre Eltern, die Prinzeſſin von Montbarrey und der Prinz zu mir kamen, um ſie zu beſuchen, erkannten ſie ſie kaum wieder. Wie, ſagten ſie, unſere Kinder bekommen das Alles zu eſſen und werden nicht krank davon? ſie ſind ja über allen Begriff artig und verſtändig geworden.

Ich verſicherte ihnen, daß Kinder, die man für ſich allein, in ihrem Zimmer, ſich gehörig ſatt eſſen läßt, nie genäſchig und gefräßig werden und dies empfehle ich dir auch, als die moraliſche Ruzanwendung dieſes Hiſtörchens, im Gedächtniß zu behalten.

In Paris gab es eine alte Frau Marquiſin von Mauconſeil, um die ſich Niemand bekümmert haben würde, wenn ihre Tochter nicht ſehr in der Mode geweſen wäre, und da dieſe Tochter, Frau von Henin, ſehr natürlich für die Geſundheit ihrer Muter beſorgt war, ſo fing man an, an ihren Beſorgniſſen einen ſo empfindſamen und enthuſiaſtiſchen Antheil zu nehmen, daß es Einem beinahe gar nicht mehr erlaubt wurde, von irgend etwas Anderem reden zu dürfen und daß alle Freunde der Frau von Henin nur noch für die Krankheit ihrer Mutter Sinn hatten. Um ſich nun nicht von dieſer intereſſanten Kran⸗ ken, die zeitlebens eine unerträgliche Frau geweſen war, trennen zu müſſen und vorzüglich um ihre Frau Tochter nicht in ihrer Todesangſt um ſie allein zu laſſen, begaben ſich die Damen von Türenne, von Poi, von Teſſe, von Lauzün, von VBayes und von Brancas zu der Frau von Mauconſeil, um wech ſelsweiſe bei ihr zu wachen. Frau von Brancas ſtillte gerade damals ihre äl teſte Tochter, der dies nicht ganz beſonders bekam, was aber für Frau von BVrancas langweiliger und angreifender war, als wenn ſſe die Nacht mit der Prinzeſſin von Henin bei Frau von Mauconſeil verplauderte; ſie trug daher auch kein Bedenken, die Pflichten der Natur den Pflichten der Freundſchaft aufzuopfern, was man erhaben fand; ihr Mann, ihr Kind und ihre Dienſtbo ten ſo wie die Männer, Kinder und Dienſtboten der übrigen genannten Da men, ſechs Wochen lang ganz ſich ſelbſt überlaſſen.

Von den Liebhabern rede ich nicht, weil dieſe Damen und ihre Männer eine Beſorgniß dieſer Art nicht hatten und nicht haben durften. Alle dieſe ſchönen Damen kampirten nun in zwei großen Zimmern, die vor dem Schlafzimmer der Frau von Mauconſeil gelegen waren. Man hatte in jedem dieſer Zimmer drei kleine Ruhebetten aufgeſchlagen; ſie hatten ein halb Duzend Kammer frauen bei ſich, die in dem Vorzimmer auf Kanape's ſchliefen. In dem erſten Vorzimmer waren die Diener des Hauſes, die dort auf Bänken ſchliefen; das gemeinſchaftliche Audienzzimmer dieſer Damen war der Eßſaal, wo der Tiſch