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Ansichten. Urtheile. Begebnisse.
Mignon⸗Zeitung.
Feuilleton aus Wien.
XIII. Der Himmel ſorgt ſtets mit vä— terlicher Liebe dafür, daß wir Wiener immer irgend ein neues Schauſpiel, ein
neues Spektakel zu Geſichte bekommen.
Kaum war das herrliche Dampfſchiff „Marianna“ von ſeiner Probefahrt nach Linz glüklich zurükgekehrt und eine Annonce erſchienen:„dieſes Schiff wer⸗ de Sonntag, den 24. September, Mor⸗ gens 9 Uhr, eine Luſtfahrt nach dem ſchönen Greifenſtein unternehmen“, ſo war dieſe Nachricht in einem Nu wie
ein Lauffeuer durch die ganze Reſidenz
verbreitet, und die 400 Billets zur Luſtfahrt binnen 2 Stunden gänzlich vergriffen. Schon am frühen Morgen dieſes denkwürdigen Sonntags ſtrömte eine zahlloſe Menge von Equipagen, Fiakres, Zeiſeliers u. Fußgehern dem Einſchiffungsplaze bei Nußdorf zu, um da das neue Schauſpiel einer Dampf—
ſchifffahrt mit anzuſehen. Am Hafen— plaze machten einige Spekulanten die beſten Geſchäfte; Billets, welche ſie
um 2 fl. C. M. an der Kaſſa gelöſt, wurden ihnen für 8—10 fl. C. M. aus den Händen geriſſen. Nachdem nun die 400 Paſſagiers ſich eingeſchifft, wurden die Anker gelichtet und ſtolz und ma— jeſtätiſch ſegelte die prächtige„Maria Anna“ unter ſchallendem Kanonendonner u. Hurrahrufe die Donau hinauf. Die ungeheure Maſſe von Zuſchauern zer— ſtreute ſich und ſiel nun wie ein Heer egyptiſcher Heuſchreken in die benach— barten Ortſchaften ein, plünderte und ängſtigte dort die unvorbereiteten Gaſt— wirthe. Aber Nachmittags liefen ſie wieder Alle zuſammen, poſtirten ſich auf dem großen Damme längſt der Do— nau und warteten der Rükkunft des
Dampfſchiffes. Es war ein unbeſchreib— lich impoſanter Anblik, das ſchöne Schiff wie einen ſtolzen Aar auf den Fluthen, unter den donnerähnlichen Akklamationen von mehr als 50,000 Menſchen, im ſchnellen Fluge einher— gleiten zu ſehen. Vom Kahlenberger Dörfel bis über Nußdorf hinaus reihte ſich Wagen an Wagen, es war das ei— ne unabſehbare Kette von Equipagen aller Art, welche die Suite des nobile Vapore, zu Lande bildete.— In dem Bereiche unſerer Theaterwelt gab's dieſe Woche der Novitäten die Hülle und Fülle. Das k. k. Burgtheater brach— te den„Pariſer Taugenichts“, Luſt— ſpiel in 4 Aufzügen nach dem Franzö— ſiſchen bearbeitet von Dr. C. Töpfer. So ſehr als die Meisl'ſche Bearbei— tung des„Gaminp de Paris“ in der Leopoldſtadt mißfiel, ſo ſehr hatte ſich dieſes artige Luſtſpiel, welches die Tour ſchon über alle deutſche Bühnen gemacht, einer glänzenden Aufnahme zu erfreuen. Mußte man ſchon den Takt und die Gewandtheit des Bearbeiters loben, wie wurde man erſt entzükt durch die herrliche Darſtellung. Herr Fichtner war als Julius in Spiel und Haltung meiſterhaft. Gewiß auf keiner deutſch. Bühne iſt dieſe Rolle, mit ſo voll— deter Künſtlerſchaft gegeben worden 9).
Gleich ausgezeichnet gab Hr. Wilhelmi
den General Morin. Die Hrn. Lucas und Wothe, die Damen Reichel, Wei— ßenthurn und Wrede ſtanden würdig
*) Vielleicht darum nicht, weil man auf den meiſten Bühnen Deutſchlands die fixe Idee hatte, den Gamin von einem Frauenzimmer darſtel⸗ len zu laſſen. Das Warum möge Derjenige beantworten, der zuerſt auf dieſen Gedanken kam. In Pa⸗ ris gibt den Gamin ein vier zig⸗ jähriger Schauſpieler. X.
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