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Thibaut, eine der Kammerfrauen der Königin, erhielt den Auftrag, Ihre Majeſtät um ihre Einwilligung dazu zu bitten. Die Vrinzeſſin gab dieſe un— ter der Bedingung, daß ihre Pallaſtdame es entweder nicht bemerken, oder auch darein willigen müſſe, und Frau von Luynes erſchien wirklich, ohne daß ſie es ahnte, bei Hofe mit einem batiſtenen Hemde koeffürt. Dieſer Aufſaz fand ungeheuren Beifall und Frau von Lavel erſchien zwei Tage nachher mit einer in Puffen aufgeſtekten Damaſtſerviette auf dem Kopf, was man ganz allerliebſt fand.
Du kannſt meine Nichte, Frau von Motignon, fragen, ob es nicht wahr iſt, daß ſie ſich im Jahr 1785 à la Jardinière mit einer rothgeſtreiften Ser— viette hatte koeffüren laſſen, in der Herr Leonard ſehr künſtlich eine kleine Artiſchoke, einen Kopf Blumenkohl, eine hübſche gelbe Möhre und einige kleine Rüben angebracht hatte.
Die Gräfin von Lamoth fand dieſen Aufſaz ſo hübſch, daß ſie erklärte, künftig gar kein Blumen mehr tragen zu wollen, weil Gemüſe viel ei nf a⸗ cher und natürlicher wäre. 0
Denn gerade das Einfache und Natürliche war Mode! Männer umarmten ihre Frauen in Geſellſchaft; Brüder und Schweſtern nannten ſich du, die Da— men begleiteten ſich nicht mehr beim Weggehen und ſtanden nicht mehr auf, um ſich zu grüßen. Man ſprach von Weibern ſtatt von Damen u. Mä n⸗ neun ſtatt von Herren. Man lud Frauen aus dem Finanzſtande mit den vornehmſten Damen zugleich ein, ſezte ſich nach Gutdünken zu Tiſche und Jeder legte ſich nach ſeinem Belieben vor und aß von dem, was vor ihm ſtand; kurz Alles war ſo einfach natürlich geworden, daß die Prinzeſſin von Broglie ſich jämmerlich verbrannte, als ſie einem gebratenen Rebhuhn, das noch ſehr heiß war, mit den Fingern einen Flügel abreißen wollte. Deine Tante Cler⸗ mont⸗Tonnerre rührte den Salat ſtets mit den Fingern um und wenn ſie nach Tiſche ihrem Stanislaus— denn die Taufnamen waren ja auch viel einfacher, als die Familiennamen und vollends viel natürlicher als die Titel, daher auch Mode geworden— kleine Ohrfeigen gab, ſo ſagte er ihr ganz entzükt und verliebt: O du appetitliche Freundin meines Herzens! wie köſtlich duf— ten deine allerliebſten kleinen Finger nach gutem Pfeffer, feinen Kräutern und vortrefflichem Eſtragon-Eſſig! Man möchte ſie gleich anbeißen!
Die Zeit großartiger Seltſamkeiten und pikanter Originalität war vor— über. Was man noch in dieſer Art ſah, war geiſtlos, platt, man möchte ſa⸗ gen, es war nicht ehrlich damit gemeint und daher war es ſo wenig natürlich, als ongenehm. Jeder wollte etwas Abſonderliches vorſtellen und daher hatte die Abſonderlichkeit des Einzelnen keinen Reiz mehr für die Andern.
Zu den unbegreiflichen Thorheiten dieſer Zeit gehörte auch die Art und Weiſe, wie man die Kinder ernährte. Erſt fing man damit an, ſie ſelbſt zu ſtillen; ſie bekamen von den Müttern nur ſchlechte Milch und dieſe nie hin— reichend, doch gleichviel, Jean Jacques(Rouſſeau) hatte es zur Mode gemacht, daß man ſelbſt ſtillte. Du kannſt leicht denken, daß nicht alle Kinder ſtark und kräftig genug waren, um bei einer ſolchen ſchlechten und unzureichenden Nahrung zu gedeihen; zwei Dritttheile derſelben ſtarben an der Bruſt und der größte Theil derer, die davon kamen, ſtarb, nachdem ſie 17 bis 18 Jahre kümmerlich hingeſiecht hatten, an der Aus zehrung.


