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Uhrketten hingen eine zahlloſe Menge Glökchen und andere Splelereien, und um dieſen ſchönen Puz vollſtändig zu machen, trug man in der Hand eine Ba— dine, d. h. eine kleine biegſame Gerte, wie ſich ihrer die Vedienten zum Aus⸗ klopfen der Mäntel bedienten. Der kleine Verac war überzeugt, daß man von jeher die Badinen getragen habe, und wenn wir ihn fragten, wozu ſie denn gebraucht würden, antwortete er, daß man die Kazen damit gar zu hübſch ſchlagen könne, wenn ſie Einem begegneten.
Die jungen Frauen gingen höchſt armſelig in ein Linonkleidchen, oder auch in einem Fähnchen von perſiſchem Ziz und dünnem Seidenzeuge geklei⸗ det; dazu trugen ſie mouſſelinene Halstücher, die mit Vachs geſtreift wurden, denn ſie mußten ſo hoch ſtehen, daß ſie bis an die Augen gingen und über der Bruſt legte man ſie kreuzweiſe in ſo dike Falten, daß ſie allen Frauen den Anſchein einer durchaus unnatürlichen Fülle gaben. Das jüngſte und zarteſte Mädchen übertraf, dem Schein nach, in dieſem Punkt die reichlichſt begabteſte Amme. Friſirt ging man in großen gepuderten Loken, mit fliegendem Chig⸗ non— oft ließ man aber auch die Haare ganz frei, ſo lang wie möglich nie— derhängen, oder klemmte ſie zwiſchen den Schultern in eine Kneipe von Stahl oder Schildplatt ein, was, beiläufig geſagt, eine Mode war, die man den jungen Parlamentsräthen und andern Magiſtratsperſonen abgeborgt hatte, die ſich genöthigt ſahen, ihre Haare, zum Andenken an die großen Perrüken, lang und losgebunden zu tragen. Dies war unglüklicher Weiſe die einzige Ver— pflichtung, die ſich noch aus der Zeit Ludwigs XIV. beibehalten hatte. Dieſe unſinnige Mode, das Haar fliegend und gepudert zu tragen, machte auch den Gebrauch der Pomade nothwendig, um den Puder feſtzuhalten und gab dadurch Anlaß zur Erfindung der Stühle mit den kleinen, ausgeſchweiften Rüklehnen, die man jezt faſt in allen Beſuchzimmern ſieht und die eben ſo unbequem und geſchmaklos ſind, als es ihnen auch durchaus an einem würdevollen Anſehen fehlt. Mehrere Damen fingen an, ihre Möbeln mit Ueberzügen verſehen zu laſſen, was früher nie geſchehen war und was uns Andern höchſt kleinlich und bürgerlich vorkam; Andere begnügten ſich, ihre Lehnſeſſel oben mit einem Taft⸗ ſtreifen bedeken zu laſſen, der den eleganten und edlen Namen Schi er— lappen erhielt, und den man mehrere Male des Monats erneuern mußte, wenn er dies nicht auch wirklich werden ſollte. Die Marquſſin von Laigle hatte den Ausweg erwählt, ſich nur auf einen Stuhl ohne Lehne zu ſezen und die Herzogin von Fleury ließ ſich, zu mehrerer Sicherheit, ſtets ühren eige- nen Stuhl nachtragen. Der Kopfpuz der jungen Frauen war ſo nnmäßlg hoch, daß man die Size aus ihren Kutſchen nehmen mußte und ſie darin auf Pol⸗ ſtern ſaßen, die nicht diker waren, als ein Potpourri-Kißen aus Montpellier. Es würde ganz unmöglich ſein, Alles herzuerzählen, was dieſe armen Frauen ſich auf den Kopf ſteken ließen, aber die ausſchweifendſte Einbildungskraft kann ſich kein Bild davon machen, wenn man es nicht ſelbſt mit eigenen Au— gen geſehen hat.
Leonard, der Friſeur der Königin, den der Graf von Provence immer den Marquis Leonard nannte, um ihn von ſeinem Bruder, dem Ritter Leonard zu unterſcheiden, der ſich blos mit dem Haarbeſchneiden abgab, hatte ſich an— heiſchig gemacht, die Herzogin von Luynes, die eben nicht beſonders darauf Acht gab, wenn er ſie friſirte, mit einem ihrer Hemden zu koeffüren, und Frau


