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Das Glük wurde endlich müde, ihn zu begünſtigen. Vei elner Exkur⸗ ſion, die er zum Ueberfall einer Meierei zwiſchen Crottaglia und Franscavilla machte, ſah er ſich plözlich von einem Kordon von mehr als vierzig Infante- riſten und einem Duzend Reitern umzingelt. Er konnte ſelbſt nicht hoffen, ſich durch die Flucht zu retten und Widerſtand war unnüz, denn er hatte nur zehn Mann bei ſich. E gelang ihm inzwiſchen, ſich in einen Pacht hof zu wer⸗ ſen, in der Hoffnung, ſich bei tapferm Widerſtand bis zur Nacht halten und dann entwiſchen zu können. Aber die Soldaten hatten das Haus bald einge⸗ ſchloſſen und nach einem hartnäkigen Kampfe wurden die Thüren geſprengt. Jede Hoffnung war verſchwunden! Palmieri verlangte zu kapituliren. Der Major Bianchi, welcher das Detachement kommandirte, verſſcherte ihn, daß er keine Mißhandlung von Seite der Miliz erfahren ſolle.
Giuſeppo trat hierauf allein den Soldaten entgegen: Eeco me, Don Pal— mieri! tief er, da bin ich, Don Palmieri. Er wurde ſogleich mit acht Mann, die ihm nach übrig waren, verhaftet, in Ketten gelegt und nach Aquila trans portirt.
Als ſich das Gerücht verbreitet hatte, daß Giuſeppo in der Gewalt der Miliz ſei, ſo eilte Jedermann an ſeinem Wege herbei; eine Menge von Neu— gierigen ſtrömte von allen Seiten zu, um den außerordentlichen Menſchen zu ſehen, von dem der Aberglaube ſo viele Wunder erzählte, denn das Volk hatte ihn immer für mit übermenſchlicher Gewalt begabt gehalten.
Palmieri hatte in ſeinem Gefängniſſe häufige Zuſammenkünfte mit ſei— nem Beichtvater und ohne Zweifel ſtarb er im Zuſtande der Gnade. Nichts— deſtoweniger können wir nicht umhin, folgende Unterhaltung mitzutheilen, die er mit dieſem würdigen Prieſter einige Tage vor ſeinem Tode hatte.— Ab wenn ich nur zwei Stunden meine Freiheit hätte! rief er aus.— Nun, was würdeſt du denn in dieſen zwei Stunden thun, mein Sohn?— Ich würde den ſchönſten Raub begehen, von dem man ſeit langer Zeit ſprechen gehört hat. Aber Sie wiſſen nicht, warum ich das thun würde? fuhr er mit beweg— ter Stimme fort. Für mein Mädchen, für mein armes Mädchen, mein einzi— ges Kind, das ich mehr als Alles auf der Welt liebe. Sie verlor ihre Mutter vor fünf Monaten; bald wird ſie keinen Vater mehr haben und ihr Brod erbet— teln müſſen. Ich würde zufrieden ſterben, wenn ich ihr ſo viel ſichern könnte, daß ſie in dem Kloſter der Urſulinerinen von Salmona anſtändig erzogen wer— den könnte.
Am Tage des Urtheils zurchzog Giuſeppo, von zahlreicher Reiterei be— gleltet, mit zwei ſeiner Mitſchuldigen(die andern waren an ihren Wunden geſtorben) die Straßen der Stadt, durch eine unzählbare Volksmenge, und nahm, angekommen im Gerichtsſaale, wo die Schönen, der Adel und die durch Rang und Vermögen ausgezeichnetſten Perſonen ſich drängten, um den ſo lange gefürchteten Banditen zu ſehen, mit einem ſtolzen Blike auf die Zuhö⸗ rer, ſeine Stelle ſchnell ein.
Als er ſich ſo als Held dieſer Szene ſah, ſchien ſich plözlich ein ſon— derbarer Stolz ſeiner zu bemächtigen. Dem Tode gegenüber erglänzten ſeine Augen von außerordentlichem Feuer, ſein Herz ſchlug gewaltſam und er behielt ſeine unerſchrokene Faſſung bis zum lezten Augenblike. Seine Schuld war bis zur Evidenz bewieſen; dennoch war die Theilnahme, die ſich auf allen Bänken


