Jahrgang 
Band 2 (1837)
Seite
610
 
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gelegenheiten, die ihn nach Neapel riefen. Er fügte hinzu, daß er keine Furcht habe und daß er lange in Italien ohne den mindeſten Unfall gereiſt ſei ·

Aber ich kann Ihnen verſichern, erwiderte der Fremde, daß Sie morgen das Gebirge nicht paſſiren können, ohne angehalten zu werden.

Nun, antwortete Sir William, mögen ſie mich anhalten und berauben; ich habe wenig Geld bei mir und ich hoffe, daß ſie nicht ſo grauſam ſein wer⸗ den, einen Menſchen zu tödten, der ihnen keinen Widerſtand entgegenſezt.

Sie begnügen ſich, zu rauben, verſezte lebhaft der Fremde, und tödten niemals, darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort. f

Als er dieſe Worte ausgeſprochen, ſchwieg der Unbekannte, neigte das Haupt und ſchien im Nachdenken verloren zu ſein.

Sir William war ſchon im Gehen und rief die Diener des Gaſt hofes, um ihn auf ſein Zimmer zu führen, als der Italiener, aus ſeinem Traume erwachend, ihm zurief: Noch ein Wort, Signor! Ich war vor einiger Zeit, wie Sie, genöthigt, durch dieſe Gebirge zu reiſen, die damals, wie jezt, voller Räuber waren. Ich hatte das Glüt, ein Individuum zu finden, das, nach ſeiner Behauptung, dem Räuberhauptmann ich weiß nicht welchen Dienſt erwieſen hatte und ſich erbot, mir eine Art Paß zu geben, mit welchem ich die Berge ohne alle Gefahr durchziehen könnte, mit der Verſicherung, daß meine Perſon und mein Eigenthum von den Räubern reſpektirt werden würde.

Un wie war denn dieſer Paß? fragte Sir Willian ganz verwundert.

Es war ein Ning, erwiderte der Unbekannte; dieſer Paß neuer Art hatte den vollſtändigſten Erſolg. Vielleicht iſt ſein Zauber noch nicht ganz zer⸗ ſtört. Wenn Sie es wünſchen, ſo kann ich ihn Ihnen geben. Es würde mich ſehr glüklich machen, wenn ich Ihnen dadurch eine Unannehmlichkeit erſparen könnte. Hier iſt er. Bei dieſen Worten nahm er aus einer kleinen Schachtel einen Ring, den nur ein eben nicht bedeutender Rubin ſchmükte.Nehmen Sie dieſen Ring, ſezte er hinzu,bewahren Sie ihn ſorglich und zeigen Sie ihn den Räubern, die Sie anhalten könnten.

Aber wurden Sie denn auf Ihrer Reiſe wirklich angehalten? fragte der Engländer, der nicht wußte, ob er den Ring annehmen ſollte.

Ich glaube Ihnen ſchon geſagt zu haben, daß ich angehalten wurde, und, daß mich der Ring glüklich aus den Händen der Räuber befreite. Aber es iſt Zeit, uns zu trennen. Sie werden morgen ſehen, ob er noch einige Macht hat. Bei dieſen Worten grüßte er und verließ das Zimmer, den Ring in den Händen Sir Williams zurüklaſſend..

Dieſer machte ſich am andern Morgen ſehr früh auf den Weg, wenig ſich um den Paß bekümmernd, den der Italiener ihm gegeben. Gegen Mittag, als er gerade in einem tiefen Hohlweg dieſer Gebirge war, hielt ſein Führer plözlich an und ſchien die Farbe zu wechſeln; er entdekte Menſchen, die hin⸗ ter einem Felſen im Hiaterhalte lagen; Sir William war kaum von der Ge- fahr unterrichtet, die ihm drohte, als ſchon vier Rauber ihm ihre Flinten auf die Bruſt ſezten. Der Angriff geſchah ſo ſchnell, daß er alle Faſſung ver⸗ lor und die Unterhaltung vom vorigen Abend und den Ring des Unbekannten vergaß. Als ſein Beutel ſchon in den Händen der Räuber war und ſeine Angſt ſich gelegt hatte, dachte er erſt daran, ihnen den Ring zu zeigen, aber ohne irgend etwas von ſeiner Kraft zu erwarten.