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den Dörfern mehr als einen Geſang hören, den er ſelbſt an ſeine Gellebte gemacht hatte.
Ob er gleich Vergnügen und Frauen übermäßig liebte, ſo feſſelte doch die ſeltene Schönheit der Geliebten, die ihm Alles aufgeopfert hatte 5 für immer ſeine unbeſtändige Leidenſchaft und machte aus ihm, der bisher der Anbeter aller Schönen geweſen war, einen zärtlichen und treuen Gatten. Wir dürfen hier nicht übergehen, daß er, obwohl dem Vöſen geweiht, doch immer einige ſeiner alten religtöſen Gewohnheiten beibehtelt. Er zeigte ſich ſehr an⸗ dächtig in Beziehung auf die heilige Jungfrau; er pflegte einen Theil des Freitags mit Faſten und Beten hinzubringen; er ſchikte oft fromme Gaben in die Kirchen, wohnte gewiſſenhaft der Meſſe bei und bezahlte freigebig den Prie⸗ ſter, der ſie hielt. 5 f
Auf Palmieri's Kopf war ein Preis geſezt unde ſein Signalement war an den Thoren aller Städte der beiden Abrazzen angeheftet, mit dem Ver— ſprechen von 500 Dukaten für denjenigen, der ihn todt oder lebendig auslie— fern würde, wenn es auch ſelbſt einer ſeiner Mitſchuldigen wäre. Nichtsdeſto— weniger ſezte der Bandit lange Zeit ſein gefährliches Handwerk fort und brand— ſchazte die Reiſenden der Landſtraßen. Seine Vande war nie zahlreich, aber ſie beſtand aus Menſchen von erprobter Treue und Tapferkeit.
Man erzählt ſich wunderbare Dinge von ſeiner Geſchiklichkeit im Schie— ßen. Man ſagt, daß er zu Pferde und im Gallopp einen Olivenzweig auf fünfzig Schritte nie verfehlte.
Folgender Zug charakteriſirt zugleich ſeine Geſchiklichkeit und ſeinen Edelmuth.
Ein Hauptmann, Namens Vico, ein Mann von Muth, beauftragt de vegliare alla publica sicurezza, wie man in Italien ſagt, erfuhr einſt, daß Giuſeppo in einer Meierei am Fuße des Monte Motello ſei und beſchloß, ſich ſeiner zu bemächtigen. Um keinen Verdacht zu erweken, begnügte ſich Vico, nur vier Dragoner zu ſich zu nehmen; aber wie vorſichtig er auch war, ſo entging ſein Vorhaben doch den Spionen des! Vanditen nicht. Wirklich über— fiel ihn Palmieri in dem Augenblike, wo er ſich mit ſeinen vier Mann in ei— ner tiefen Schlucht befand, die zu der Meierei führte, in welcher ihn Bico zu finden hoffte. Sechs wohlberittene Räuber waren hinter ihm, ſechs andere vor ihm; an ihrer Spize war Palmieri, der gerade auf den Kapitän zuritt.
Die Dragoner glaubten ſich verlorem und empfahlen ihre Seele Gott; ſie blieben bewegungslos und auf ihren Geſichtern malte ſich die größte Angſt.
Palmieri hielt ſein Pferd ungefähr auf hundert Schritte entfernt an: „Kapitän Vico,“ rief er,„Sie ſchmeicheln ſich vergebens, Palmieri zu über— raſchen. Wollen Sie mir wohl ſagen, was ich Ihnen gethan, daß Sie mich der Juſtiz ausliefern wollen? Meine Spione haben mir beſſer gedient, als Ihnen die Ihrigen; ich habe den Vortheil der Mehrzahl über Sie; Sie und Ihre Soldaten ſind in meiner Gewalt; ich könnte Sie tödten; aber Männer von Muth ſind jezt ſelten: ich will Ihnen das Leben ſchenken. Sie müſſen
indeſſen doch ein Andenken von unſerm Zuſammentreffen haben und Sie wer— den vielleicht künftig weniger eifrig die Gelegenheit ſuchen, mir in den Weg zu kommen. Hier iſt eine Kugel für Ihr Kasket.““


